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Leverkusen
Die warme Bescheidenheit eines Nicht-Popstars

Leverkusen: Die warme Bescheidenheit eines Nicht-Popstars
Unaufdringlich schön ist die Stimme von Gregory Porter, der am Wochenende bei den Jazztagen brillierte. FOTO: Miserius
Leverkusen. Gregory Porter ist ein Weltstar - einer ohne Starallüren, aber mit dieser wunderbaren, kuschelig-warmen Baritonstimme, wie er bei den Jazztagen im Forum bewies. Von Olaf Weiden

Der Mann mit der Mütze als Markenzeichen kehrte nach Leverkusen zurück: Gregory Porter begeisterte am Wochenende seine Verehrer im ausverkauften Terrassensaal im Forum mit Kostproben aus seinem neuen Album und mit einer leicht veränderten Sound-Idee. Jetzt köchelt im Hintergrund das rauchige Vibrato einer Hammond-Orgel.

Überraschende Töne erwarteten die Besucher, denn statt des 22 Jahre jungen englischen Sound- und Videotüftlers Jacob Collier, der weltweit ein ungeheures Talent auch als Sänger und Allround-Musiker beweist, schlugen Flötentöne in die Ohren; und das nicht zu knapp. Für den erkrankten Engländer waren kurzfristig die Musiker der Band Jin Jim eingesprungen, eine Band um den Flöten in allen Größen blasenden Peruaner Daniel Manrique Smith.

Die Gruppe hat in Leverkusen vor zwei Jahren den Jazzwettbewerb "future sounds" gewonnen und entsprechend bereits im vergangenen Jahr auf der Hauptbühne des Festivals gestanden. Die Musik des Quartetts ist so energiegeladen und vielfarbig, das sie problemlos als Intro für einen Weltstar wie Gregory Porter passte.

Jin Jim bedient sich an Folklore, Jazz, Rock, Hiphop-Beatbox, und sie lieben die enttäuschte Hörerwartung: Da zuckt in einem Titel der Schlussakkord noch zehnmal nach, immer wieder verschoben und linkisch versetzt, eine Sterbeszene im Kinoformat aus Hollywood. Die Flöte pfeift nicht nur als Melodieträger, sie mischt auch als Grundfarbe häufig mit. Aber sie erinnert nie an die berüchtigten Fußgängerzonen-Inkas, die jetzt bald wieder im Weihnachtsgeschäft drohen. Danke, Jin Jim.

Sänger Gregory Porter - vor zwei Jahren noch eine neuere Farbe im Jazz-Zirkel, dreht jetzt in den Mühlen des internationalen Jazzgeschäfts beständig seine Runden auf Welttournee. Der US-Amerikaner steht relativ konkurrenzlos im männlich-souligen Jazzkader, seine kuschelig-warme Baritonstimme klingt einfach angenehm und unaufdringlich.

Sein extrovertierter "Musical Director" Albert "Chip" Crawford haut als Kontrast in die Tasten wie einst Don Pullen, mehrfach Gigant auf den Jazztagen. Chip drischt einfach mal mit der flachen Hand oder gleich mit der Handkante. Der Tenorsaxofonist Tivon Pennicott bläst auch schräges Zeug auf seinem Horn, er wirkt neben dem Riesen Porter wie ein Gartenzwerg.

Seine Soli zünden aber im Volk. Und hinter dem ungleichen Paar brutzelt und faucht die alte B3-Hammond wie ein Heizlüfter, da wird's gleich warm ums Herz.

Diesen Effekt erreicht der US-Amerikaner mit Songs wie "Take me to the Alley", dem Titelsong seiner aktuellen CD. Und Gregory Porter strahlt unverändert die angenehm zurückhaltende Bescheidenheit eines Nicht-Popstars aus, dem seine Songs und deren verbrüdernde Botschaften das Wichtigste bleiben - trotz einer berauschenden Weltkarriere.

Quelle: RP
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