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Leverkusen
Ein Berg von zerknautschten Kopfkissen

Leverkusen: Ein Berg von zerknautschten Kopfkissen
Peter Radelfinger untersuchte Form und Falten seines Kopfkissens. Daraus hat der Schweizer Künstler eine Serie an Zeichnungen gestaltet. FOTO: Uwe miserius
Leverkusen. Zusätzlich zur Ausstellung "Drama Queens", einer Inszenierung von Werken aus der eigenen Sammlung, zeigt das Museum Morsbroich ab heute in der Grafiketage Papierarbeiten des Schweizer Künstlers Peter Radelfinger. Von Monika Klein

Jeden Morgen steht er auf und findet sein Kopfkissen im verknautschten Zustand vor. Aber ehe Peter Radelfinger es aufschüttelt und wieder glatt streicht, betrachtet er die Formen und Falten genau. Er zeichnet sie sogar und stellt dabei fest, dass es im Leben keine wirkliche Wiederholung gibt. So wie kein Tag dem anderen gleicht, oder alle Menschen verschieden sind. Auf einmal wird das Kissen zur Metapher einer philosophischen Betrachtung. 1850 Zeichnungen seines Kissens hat er angefertigt. Eine Auswahl von 30 Originalen zeigt das Museum Morsbroich im ersten Raum der Grafiketage, wo heute Abend die Ausstellung des Schweizer Künstlers eröffnet wird. Der Titel "Aah...Aha!" vermittelt die Herangehensweise des Zeichners, der den Prozess vom kindlichen Erstaunen bis zur Erkenntnis, dem Aha-Moment, mit Bildern vermittelt.

Peter Radelfinger, der 35 Jahre an der Kunsthochschule Zürich lehrte, sagt zwar: "Zeichnung ist nicht primär das Medium, das mich interessiert." Doch ist sie Basis all dessen, was er mit den ihm heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln schafft. Auch durch Einsatz von Texten oder Textfragmenten, die besonders auf seiner Bänder-Serie lesbar sind. Aber sogar aus den Kissenfaltungen ergeben sich Buchstaben, die der Künstler mitunter zu Aussagen ergänzt wie "auf und ab" oder "wieder und wieder". Diesen Wiederholungseffekt, der ja eigentlich eine Variationsserie ist, verdeutlicht Radelfinger durch einen großen Printer, der alle halbe Stunde eine seiner Kissenzeichnungen in vergrößertem Format auf Endlosrolle ausdruckt. Heute Abend, während der Kunstnacht, wird die Druckautomatik sogar auf Fünf-Minuten-Takt umgeschaltet. Gestern beim Rundgang lagen bereits die ersten 60 Meter Kissenband auf dem Boden. Zur Finissage am 23. April, wenn die Maschine alle 1850 Kissenzeichnungen ausgespuckt hat, werden es 1,2 Kilometer Papier sein, gefaltet, gewellt getürmt wie die abgebildeten Kissen. Eine Rauminstallation also, die sich ständig verändert und nichts anderes ist als ein großes Band, was wiederum auf eine andere Serie verweist.

Peter Radelfinger erinnert sich noch genau daran, wie er als Sechsjähriger den Geheimnissen des alltäglichen Lebens auf den Grund gehen wollte. Diese kindliche Neugier thematisiert er immer wieder. Heute mit dem angelesenen Wissen über kleinkindliche Entwicklung und Psychologie im Hinterkopf. Das erste Trauma sei die Trennung von der Mutter. Als Ersatz dienen dem Säugling Flaschensauger oder Zipfel der Schmusedecke. "Man schafft sich Übergangsobjekte", erklärt Radelfinger, und: "Das ist eigentlich der Beginn von Kunst."

Und die vermag der Zeichner mit einer großen Leichtigkeit und mit Humor zu entwickeln. Eine weitere Werkgruppe sind animierte Bilder, die groß auf die Wand projiziert oder in vielen kleinen Digitalrahmen gezeigt werden. Durch minimale Bewegung bekommen die Zeichnungen, von denen einige im Original zu sehen sind, ein Eigenleben und funktionieren als Witz.

Die Ausstellung "Aah...Aha! Peter Radelfinger" wird heute Abend zeitgleich mit der 12. Leverkusener Kunstnacht im Museum Morsbroich eröffnet. Anschließend gibt es Musik, und um 20 Uhr führt der Künstler einen Rundgang an.

Quelle: RP
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