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Leverkusen
Ein Schöffe mit Faible für Sherlock Holmes

Leverkusen: Ein Schöffe mit Faible für Sherlock Holmes
Bernd Köppe hatte mit Rechtswissenschaften nicht viel zu tun - bis er vor zwei Jahren sein Ehrenamt als Schöffe am Amtsgericht antrat. FOTO: Uwe Miserius
Leverkusen. Am Amtsgericht Leverkusen fällen Schöffen zusammen mit den Berufsrichtern die Urteile für schwerere Taten. Von Susanne Genath

Mit Rechtswissenschaften hatte Bernd Köppe in seinem Leben nicht viel zu tun. "Vor vielen Jahren habe ich als Berufsschüler mal eine Gerichtsverhandlung besucht, danach nicht mehr", erzählt der 63-Jährige. Das hat sich geändert. Denn der ausgebildete Chemotechniker, der über 40 Jahre für die Firmen Bayer und Currenta gearbeitet hat, ist seit zwei Jahren ehrenamtlicher Schöffe am Leverkusener Amtsgericht. "Während die Berufsrichter ein riesiges Know-how in ihrem Fach haben, bringen wir Schöffen große Lebenserfahrung mit", sagt der Ruheständler.

24 Jugendschöffen und 20 Erwachsenenschöffen sind am Amtsgericht in Opladen tätig, teilt die Behörde mit. Körperverletzung, Einbruch und Diebstahl gehören zu den Straftaten, die vor Schöffengerichten verhandelt werden. "Fälle mit einem erwarteten Strafmaß von zwei bis vier Jahren Haft", erklärt Köppe. "Ein Mord hingegen kommt vors Landgericht."

Was ihn in der Verhandlung erwartet, erfährt der Vater eines erwachsenen Sohns kurz vorher. "Der Richter informiert uns vor Beginn der Sitzung über den Sachverhalt. So geht man unvoreingenommen in den Prozess. Das ist wichtig." Eigene Ermittlungen wie vorherige Tatortbesichtigung oder Zeugenbefragung dürfe ein Schöffe nicht anstellen. "Während der Verhandlung dürfen wir aber Fragen stellen."

Die Tätigkeit gefällt ihm. "Es ist ein wichtiges, verantwortungsvolles Ehrenamt", sagt Köppe. "Die Stimme eines Schöffen hat das gleiche Gewicht wie die eines Berufsrichters." Und Schöffengerichte seien grundsätzlich zu zwei Dritteln mit Schöffen besetzt. "Das Hauptaugenmerk ist die Wahrheitsfindung." Die hänge vor allem vom Fragegeschick des Richters ab. "Jeder Zeuge hat eine eigene Wahrnehmung", sagt der 63-Jährige, der gerne Krimis liest und Sherlock Holmes mag. Verschiedene Darstellungen des gleichen Sachverhalts gelte es abzuwägen. "Wenn ein Verfahren erst zwei, drei Jahre nach der Tat stattfindet, ist in der Erinnerung natürlich schon vieles weg."

Der Blick auf andere Menschen habe sich durch das Ehrenamt nicht geändert. "Ich betrachte mich nicht als allwissend", versichert der Fan der Kölner Haie. "Und wenn jemand flunkert, merke ich das auch nicht unbedingt sofort." Während seines Berufslebens habe er ohnehin viel mit Menschen zu tun gehabt. "Ich war in der Betriebsforschung und später lange in der Arbeitssicherheit tätig und habe Physik und physikalisches Rechnen unterrichtet. Das hat mir viel Spaß gemacht."

Ein Urteil nehme er sehr ernst. "Eine Strafe kann in das persönliche Leben eines Angeklagten massiv eingreifen", sagt Köppe. "Wer zu einem Freiheitsentzug verurteilt wird, verliert jegliche Bindung. Häufig sind Arbeitsplatz, Wohnung und Freunde weg. Das ist eine hohe Verantwortung für Schöffen."

Gleichwohl sei eine Straftat zu bestrafen. "Wer eine Straftat begeht, weiß, dass er dafür bestraft werden kann", sagt der 63-Jährige. Die Aufgabe des Gerichts sei es, die Wahrheit herauszufinden und Recht zu sprechen. "Wenn die Tat in der Verhandlung nicht bewiesen werden kann, muss der Angeklagte freigesprochen werden."

Zum Schöffenamt kam Köppe über einen Radioaufruf. "Ich habe mich gemeldet, denn ich hatte mir vorgenommen, nach meiner Pensionierung ein Ehrenamt anzutreten." Die Auswahl der Haupt- und Ersatzschöffen erfolgt durch die Stadt. "Zu welchen Terminen ich eingesetzt werde, wird ausgelost", berichtet Köppe. In der Regel werde er etwa ein Dutzend Mal im Jahr eingesetzt.

Lieblingsverfahren habe er nicht. Details zu Prozessen will er nicht nennen. "Alles, was die Schöffen mit dem Richter besprechen, ist geheim", erklärt der 63-Jährige. "Darüber spreche ich auch nicht mit meiner Frau." Köppes Amtszeit beträgt fünf Jahre. "Was danach ist, weiß ich noch nicht."

Quelle: RP
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