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Leverkusen
Ein Wirtschaftstreff mit Visionen, aber ohne Impulse

Leverkusen: Ein Wirtschaftstreff mit Visionen, aber ohne Impulse
Gut gefüllt: Im Erholungshaus fanden sich rund 280 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Verwaltung ein. Später gab's lockeres Netzwerken am Büffet. FOTO: Miserius, Uwe (umi)
Leverkusen. 280 Gäste erlebten eine bewegte junge Preisträgerin und einen charismafreien Professor. Von Ludmilla Hauser

Als Lorenz Smidt die Bühne betrat und am Rednerpult scherzte: "Vom vielen Zuhören habe ich auch schon einen ganz trockenen Hals", lachte das Publikum befreit auf. Vielleicht, weil es selbst schon einen ebenso trockenen Hals hatte oder die Ohren klingelten vom Vortrag vorher. Verursacht hatte das der Referent des Impulsvortrags, Prof. Michael Braungart, den die Wirtschaftsförderung in der Einladung zum diesjährigen Wirtschaftsempfang mit dem Wort "Öko-Visionär" umschrieb.

Und eine wunderbare Vision, das muss man dem Chemiker und Verfahrenstechniker aus Schwaben ohne Abzüge zugestehen, hat er. Sie heißt Cradle-to-Cradle (Von der Wiege bis zur Wiege) und soll, vereinfacht zusammengefasst, eine Kreislaufwirtschaft sein, in der ein Rohstoff über die Lebensdauer eines Produktes hinaus komplett in den Produktionsprozess zurückgeführt werden kann oder als biologischer Nährstoff wieder in den biologischen Kreislauf. Baumgart sagt: "Ein Produkt, das nur Abfall wird, ist kein gutes Produkt." Ein guter Satz. Einer der wenigen Sätze, die von seinem Vortrag im Gedächtnis blieben. Schade. Denn Schuld daran, dass so wenig Inhalt im Zuhörerohr haften blieb, hat Braungarts Vortragsstil. Den empfindet er selbst als locker und in den USA angeeignet; den rund 280 Zuhörern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung im Erholungshaus kam der frühere Greenpeace-Aktivist aber über sehr weite Teile, eigentlich über die ganze 45-minütige Strecke vor wie ein flatterhafter Schmetterling, der von Blümchen zu Blümchen schwirrt, ohne dabei viel Nektar zu saugen.

Professor Michael Braungart untermalte seinen Impulsvortrag mit Bild-, Video- und Textprojektionen. FOTO: Miserius, Uwe (umi)

Ohne seine Vision einmal konkret zu erklären, sauste Braungart charismafrei, dafür mit hohem Sprechtempo an zarter schwäbischer Intonation von einem Beispiel dessen, was er für falsch hält - und das ist sehr, sehr viel auf der Welt (etwa "Im Euro ist zu viel Nickel. Das macht krank") und noch mehr in der Leverkusener Wirtschaft - zum nächsten Negativbeispiel: Reifen, Bremsbeläge, Energieeinsparungen in Großkonzernen, Toilettenpapier. "Wenn Leverkusen die Stadt mit gesundem Toilettenpapier werden will, ist mehr erreicht, als wenn sie irgendwo zehn Prozent Energie einspart." Stadt, Wirtschaftsförderung, gefühlt jede Firma vor Ort bekamen ihr Fett weg. Etwa zum Klimaneutralitätsziel der Stadt: "Sowas kann es gar nicht geben, dafür müssten wir alle gar nicht da sein. Aber selbst beim Sterben bleibt noch was übrig." Und zur Willkommenskultur: "Das ist nur das schlechte Gewissen, weil wir fünf Jahre lang zugesehen haben, was in Syrien passiert." Braungart verteilte eine Verbalohrfeige nach der anderen. 20 Minuten lang. Die übrigen 25 waren Werbung - für sein Institut und die Firmen, die Cradle-to-Cradle bereits umsetzen. Alles sehr langatmig. Vor allem für einen Hochschuldozenten, der Wert auf den Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität legt. Beides war seinem Vortrag nicht anzumerken, das Prinzip "Weniger ist mehr" auch nicht.

Umso schöner: Smidts launige Laudatio und die bewegende, zielführende Rede von Natalie Kühn, der "Unternehmerin des Jahres".

Chemparkleiter Dr. Ernst Grigat (l.) unter anderem im Gespräch mit Oberbürgermeister Uwe Richrath (Mitte). FOTO: Miserius, Uwe (umi)
Quelle: RP
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