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Leverkusen
Eine "Werkskantine" mit Weltniveau

Leverkusen: Eine "Werkskantine" mit Weltniveau
Die Rückseite des Bayer Kasinos im Jahr 1914. Im November zuvor war das neue, größere Kasino eingeweiht worden. FOTO: Bayer, Schütz
Leverkusen. In den 121 Jahren Geschichte des Bayer Kasinos hat sich Vieles verändert. Eines ist geblieben: Es geht auch immer noch ums Mittagessen für die Chempark-Mitarbeiter. Von Ludmilla Hauser

Es ist im weiteren Sinne nicht ganz richtig, dass Leverkusen nur ein Schloss hat. Am südlichen Rande der Stadt steht noch eines. Ehrwürdig, in einem unaufdringlichen Altrosa-Ton gestrichen. Der Name? Duisberg-Schlösschen würde passen. Ein bisschen Romantik eben. Aber der Ort, um den es geht, lebt auch von der Pragmatik. Und deswegen heißt das Schloss am Südrand der Stadt ganz schlicht: Bayer Kasino.

Die Geschichte des Hauses, das heute Hotel, Kantine, Weinkeller und festlicher bis gemütlicher Veranstaltungsort ist, beginnt vor mehr als 121 Jahren. Als der Firmensitz von Wuppertal nach Leverkusen verlegt wurde, musste ein Kasino her, um die wachsende Zahl von Angestellten zu verpflegen. 1896 wird ein so genanntes "Beamten-Kasino" in der Villa von Ernst und Otto Bayer eingerichtet, kurz drauf die Gesellschaft "Beamten-Kasino" (später "Kasino-Gesellschaft") gegründet. Zehn Jahre später ist das Haus von Gartenanlagen umgeben, hat einen Tennisplatz, einen Leseraum, einen Küchengarten. Ein Jahr drauf kommt eine große Glasveranda und ein Raum für Veranstaltungen, Vorträge, Musik dazu - und die Küche wird größer. Das reicht aber offenbar nicht.

Das Bayer Kasino heute (wegen Einheitlichkeit in schwarz-weiß abgebildet). Der Jahrhundertwende-Charakter des Hauses ist geblieben. FOTO: Schütz Ulrich

1913 wird ein frisch gebautes Fabrik-Kasino eingeweiht: Der Speisesaal im Erdgeschoss hat 800 Sitzplätze, dazu kommen größere und kleinere Räume für gesellschaftliche Zwecke. Die oberen beiden Stockwerke beherbergen Wohn- und Schlafzimmer für Werksangehörige und Besucher, das Untergeschoss zwei Kegel bahnen. "Der ganze Betrieb des Hauses soll dem eines erst klassigen Hotels entsprechen, mit moderner und gediegener Ausstattung und mustergültigen Küchen-, Keller-, Metzgerei- und Kühl- anlagen", heißt es bei Bayer.

Alles lief gut im Kasino - bis 1917 im Ersten Weltkrieg das Haus beschädigt wird: Nebenan im Flittarder Feld explodierten 80 Tonnen TNT-Sprengstoff.

Zeitsprung: 100 Jahre, einen Abriss des ersten Bayer Kasinos und diverse An- und Umbauten später. In Weinkeller arbeitet dessen Leiter Heinz-Jürgen Kaup auf Hochtouren. In gut einer Woche läuft das zweite Winzerfest im Bayer Kasino. Extra dafür reist auch ein Winzer aus Chile an. Vielleicht nächtigt der ein paar Etagen über dem Weinkeller im Hotel.

Das undatierte Foto zeigt das "Innenleben" des Kasinos früher - bemerkenswert: das Industriegemälde und die Lüster. FOTO: Bayer

"Hier steigen Gäste aus aller Welt ab, Geschäftspartner von Bayer und dem Chempark", erzählt Felix Hinrichs, Hospitality-Chef des Hauses. "Aus China, den USA, Südamerika. Bis auf Grönland war im Grunde aus allen Herrenländern schon jemand hier zu Gast." Am Wochenende belegen Hochzeiter, Gäste von Jubiläen und Geburtstag die 45 Zimmer und Suiten. Wer nahe der Rezeption am Haupteingang einmal dem Stimmengewirr lauscht, hört tatsächlich etliche Sprachen heraus. Mitunter auch das Kölsche von Handwerkern und Technikern. Und das Stimmengewirr der Chempark-Mitarbeiter, die ab 11.15 Uhr gen Kasino strömen.Rund 4500 Mittagessen gehen in dem großen Betriebsrestaurant täglich über die Theke. Es herrscht Bienenstock-Atmosphäre.

Im Untergeschoss, wo früher unter anderem gekegelt wurde, ist's gediegener. Hier treffen sich in der Woche Geschäftsleute zum Mittagessen im Restaurant Löwen. Am Wochenende kommen private Gäste. "Die Küche ist gehoben, saisonal, regional", sagt Hinrichs. Und steht manchmal unter einer besonderen Überschrift: Weinmenü oder Candle-Light-Dinner etwa. "Insgesamt haben wir rund 100 öffentliche Veranstaltungen pro Jahr im Kasino. Vom Grillabend über Picknicks im Garten bis zur Weinprobe und dem Sonntagsbrunch", zählt Kaup auf. Hinrichs macht das - salopp gesagt - "Fassungsvermögen" des Kasinos klar: "Hier können Veranstaltung bis zu 3000 Gästen stattfinden."

Speisenausgabe 1942: täglich rund 13.648 Portionen. FOTO: Bayer

Oder nur mit zehn Gästen. In Räumen, die an den Schlosscharakter erinnern: Kaminzimmer, Mahagonizimmer, Musikzimmer... Ein Areal erinnert an Chefetage: "Der Direktionsbereich ist der oberen Führungsebene bei Bayer und des Chemparks und deren Gästen vorbehalten", sagt Hinrichs.

Quelle: RP
 
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