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Joachim Stumpf
Experte: Ohne Wandel geht Leichlingen über die Wupper

Leverkusen. Der Geschäftsführer dreier bedeutender Beratungsfirmen sieht die Stadt in einer teils selbst verschuldeten Abwärtsspirale. Von Peter Clement

Leichlingen/München Joachim Stumpf ist nicht irgendein Handelsberater. Er steht als Geschäftsführer drei wichtigen Unternehmen vor: - der Münchner BBE Handelsberatung, die seit 60 Jahren als Beratungsspezialist erfolgreich tätig ist;

- der Tochtergesellschaft IPH, die Konzepte für Handels- und Dienstleistungsimmobilien entwickelt;

- der elaboratum GmbH, die gemeinsam mit Experten für neue Technologien im Handel Firmen bei der Konzeption und Umsetzung von Verkaufssystemen über viele Kanäle unterstützt.

Stumpf kennt viele Städte wie Leichlingen, in denen Ideen und Projekte zerredet wurden und in deren besten Geschäftslagen Stillstand herrscht. Im Interview warnte er gestern ausdrücklich: "Städte, die einfach weitermachen wie bisher, werden zurückfallen."

Herr Stumpf, im Jahr 2014 hat Kaufhof-Chef Lovro Mandac gemahnt, der Handel werde sich "in den nächsten fünf Jahren so verändern, wie er sich in den letzten 40 Jahren nicht verändert hat". Geben Sie ihm Recht?

Stumpf Absolut. Wir erleben das gerade. Der stationäre Einzelhandel - also der klassische Laden in der Stadt - kämpft mit rückläufigen Passantenfrequenzen und stagnierenden bis sinkenden Umsätzen, vor allem wegen der Online-Konkurrenz. Wir untersuchen gerade im Auftrag des Bundesbauministeriums und des Handelsverbandes Deutschland HDE, wie sich dieser E-commerce auf Städte und Regionen auswirkt. Soviel steht fest: Mittelstädte der Größe Leichlingens werden es schwer haben.

Inwiefern?

Stumpf Hersteller wie Gerry Weber oder Adidas werden jetzt auch zu Händlern und eröffnen eigene Shops. Online-Anbieter wie Amazon oder Zalando folgen diesem Trend - und sie alle drängen natürlich nur in die 1a- Lagen der großen Städte. Das zieht Kaufkraft aus der Umgebung ab, denn wer sowieso schon einmal in der Großstadt ist, kauft gleich auch andere Sachen dort ein. Wenn die kleinen Städte und ihre Händler nicht aufpassen, fallen sie ganz schnell hinten über.

Wie sehen die Prognosen denn aus?

Stumpf Vor einigen Jahrzehnten betrug der Marktanteil Inhaber-geführter Fachgeschäfte noch rund 70 Prozent. Im Jahr 2000 waren es nur noch 32. Mittlerweile liegt der Anteil bei 19 Prozent - und sinkt weiter. Das belastet vor allem die Attraktivität der kleinen und mittleren Städte.

Können die denn reagieren?

Stumpf Um mehr Kundenfrequenz in die kleinen Städte zu bringen, gibt es mehrere Möglichkeiten: Man kann die Aufenthaltsqualität durch Gastronomie, Dienstleistungen oder andere Naherholungs-Effekte deutlich erhöhen. Es gibt gerade aus England auch Beispiele dafür, wie Geschäfte florieren, indem sie gezielt Artikel anbieten, die andernorts nicht zu bekommen sind. Aber auch Händlergemeinschaften, die Feste und andere Gemeinschaftsaktivitäten organisieren, können die Frequenz der Besucher steigern. Ganz wichtig dabei: Händler und Stadt müssen an einem Strang ziehen, dann lässt sich viel erreichen.

Gibt es da Vorbilder?

Stumpf Die Stadt Passau mit ihren 50.000 Einwohnern ist ein Paradebeispiel. Geflickte 70er-Jahre-Fußgängerzone, Händler, die die Standortqualität als ausreichend bis ungenügend bewerteten - das war die Ausgangslage. 2001 gründeten lokale Händler die "City Marketing Passau" - in Kooperation mit der Stadt wurde sie ein Erfolgsmodell. Der Verein organisierte die Beteiligung der Hausbesitzer an der Modernisierung der Fußgängerzone, aber auch ein ein professionelles Vermarktungsmanagement für die knapp 500 Ladenlokale. Branchenmix und Aufenthaltsqualität sind heute gut - mit dem Effekt, dass Passau bei fast 11.000 Euro Jahresumsatz pro Einwohner liegt - das Niveau weit größerer Standorte.

Verspielen Städte wie Leichlingen - die mit der Wupper eigentlich auch tolle Aufenthaltsqualität erreichen könnten und über beste Flächen verfügen, aber es nicht schaffen, Ideen umzusetzen - ihre Zukunft?

Stumpf Kunden wollen sich heute durch innovative Geschäftsideen, aber auch durch eine anregende Umgebung überraschen und zum Einkaufen verführen lassen. Gerade hier liegt der Vorteil der Städte gegenüber dem Online-Handel. Wer da glaubt, er brauche das nicht und könne einfach weitermachen wie bisher, wird vermutlich bald ganz von der Bildfläche verschwinden.

Quelle: RP
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