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Dorothee Schmitz
Freiheitsentzug? Heimgutachterin kritisiert Piraten

Leverkusen. Die erfahrene unabhängige Heimgutachterin geht im Interview mit den Vorwürfen der Partei zu Fixierungen ins Gericht. Von Peter Clement

Leverkusen Dorothee Schmitz ist ehrenamtliche Gutachterin der Heimverzeichnis gGmbH. Sie verteilt grüne Haken - das bundesweit einzige Gütesiegel für Lebensqualität im Alter. Häuser, die es bekommen, bieten die "Wohlfühl-Faktoren", die bei der Suche nach einer geeigneten Einrichtung nie unterschätzt werden dürfen. Schmitz, die auch Fachkraft für barrierefreies Bauen ist, geht hart mit der Kritik der Piratenpartei an "freiheitsentziehenden Maßnahmen" in Leverkusener Altenheimen ins Gericht.

Frau Schmitz, die Piratenpartei will sämtliche auf Dauer angelegten Maßnahmen, "die die Bewegungsfreiheit gegen den Willen der pflegebedürftigen Personen einschränken, auf den Prüfstand" stellen und argumentiert mit Zahlen aus Leverkusen. Ist dieses Thema aus Ihrer Sicht in der Stadt denn tatsächlich aktuell relevant?

Schmitz Nein. Was die Fixierung von Menschen in Pflegeheimen angeht, liegen die Piraten mindestens zehn Jahre hinter der Zeit zurück. Schon das Wohn-und Teilhabegesetz hatte im Jahr 2008 für deutliche Einschränkungen gesorgt. Mittlerweile gehen immer mehr Heime den Werdenfelser Weg, der auf Abkehr vom einstmals starren Sicherheitsdenken hin zu einem verantwortungsvollen Abwägen aller Aspekte setzt. Etwa beim Fixieren von Bewohnern mit Demenzproblematik, um diese vor Stürzen zu schützen. Die Herangehensweise ist inzwischen in vielen Heimen Standard.

Sie beschäftigen sich auch mit dem technischen Zustand in Heimen. Gibt es dort Entwicklungen, die eine Fixierung verzichtbar machen?

Schmitz Es gibt jede Menge segensreiche Entwicklungen, die sich auch immer öfter im Heim-Alltag niederschlagen. Das reicht von speziellen Niederflurbetten, die ebenfalls verhindern, dass Senioren aus dem Bett fallen und sich verletzen, bis hin zu Transpondern und elektronischen Chips in Schuhen, die erkennen lassen, wenn etwa Senioren mit Demenzproblematik einen bestimmten Bereich verlassen. Es gibt aber auch Ideen, die ohne Technik funktionieren. Türen, die mit einer Folie beklebt sind und wie ein Bücherregal aussehen, oder bepflanzte Rundwege in Gärten, die ebenfalls das Risiko minimieren, dass jemand sich unbemerkt entfernt. Gurte gehören der Vergangenheit an. Gleichwohl ist auch für viele dieser neuen Maßnahmen ein richterlicher Beschluss notwendig. Und bei deren Bewilligung oder Ablehnung gibt es enorme Unterschiede, wie der Autor Daniel Drepper in seinem Buch "Jeder pflegt allein" eindrucksvoll schildert. Unser föderales System macht es selbst Heimen mit den besten Ideen und Absichten oft schwer.

Was macht eine Diskussion, wie sie die Piraten führen, mit Angehörigen oder den alten Menschen selbst?

Schmitz Sie verunsichert ungemein. Wer vor der Entscheidung steht, einen geliebten Menschen in einem Heim unterbringen zu müssen, hat es sowieso schon schwer genug. Er braucht Orientierungshilfe, nicht Unterstellungen und diffuse Angstmacherei.

Woran kann ich nach Ihrer Erfahrung denn ein gutes Heim erkennen?

Schmitz Sie sollten jedes infrage kommende Haus persönlich besuchen und dabei gezielt nachfragen, wie die Einrichtung innerhalb des Stadtquartiers vernetzt ist. Gibt es Kooperationen mit Kitas und Vereinen? Wie hoch ist die Zahl der ehrenamtlichen Kräfte, die sich dort engagieren? All das sind wichtige Anzeichen dafür, dass dort eine am Wohl des Menschen orientierte Philosophie verfolgt wird. Auch nach der Ausstattung mit technischen Hilfsmitteln wie eben Niederflurbetten sollte man ruhig fragen.

Gibt es eine Heim-Rangliste?

Schmitz Sie können auf der Internetseite www.Heimverzeichnis.de schauen, welches Haus einen grünen Haken angezeigt hat. Wer dieses Gütesiegel besitzt, hat zuvor eine intensive Begutachtung erfolgreich absolvieren müssen, bei der es vor allem um Lebensqualität und den Wohlfühlfaktor geht. Dieses Gütesiegel erhalten nur Heime, die auf die Selbstbestimmung, Teilhabe und Menschenwürde der Seniorinnen und Senioren in ihren Häusern großen Wert legen. Auch die Weiße Liste der Bertelsmann-Stiftung bietet Hilfe bei der Orientierung.

Menschenwürde im Heim - wie wichtig wird dieses Thema in zehn Jahren sein?

Schmitz Noch wichtiger als heute. Die Pflege wird sich noch stärker in die häusliche Umgebung verlagern. Wer sich die neuen Pflegestärkungsgesetze anschaut, erkennt die Stärkung der ambulanten Angebote wie Kurzzeit-, Tages-, Nacht- und Verhinderungspflege. Heime werden vor allem Hospiz-Funktionen und Schwerstpflege übernehmen. Hier wäre ein parteiübergreifender Antrag wünschenswert, der den Einrichtungen bei Neu- oder Umbau größere Wohn- und Aufenthaltsflächen fördert. Moderne Hilfsmittel, zum Beispiel Liegerollstühle und weitere Mobilitätshilfen, haben einfach mehr Platzbedarf. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, verantwortungsvolle Diskussionen zu führen. Populismus schadet da nur.

Quelle: RP
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