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Leverkusen
Gefangen im DDR-Frauenzuchthaus

Leverkusen: Gefangen im DDR-Frauenzuchthaus
Das Gefängnis Hoheneck in Stollberg im Erzgebirge: Zu DDR-Zeiten saßen dort vor allem aus politischen Gründen inhaftierte Frauen ein. Ellen Thiemann war dort von 1973 bis 1975 inhaftiert, weil sie aus der DDR fliehen wollte. FOTO: Ellen Thiemann
Leverkusen. Ellen Thiemann saß 23 Monate im Frauenzuchthaus Hoheneck. Im Rahmen von "Levliest!" liest sie aus ihrem Buch. Von Marion Meyer

Wenn Ellen Thiemann über die DDR und ihre Zeit als Inhaftierte im Stasi-Gefängnis spricht, merkt man ihr an, dass diese Erlebnisse sie nicht loslassen - auch nach 40 Jahren nicht. Bereits drei Bücher hat sie darüber geschrieben. Ihr neues Buch "Wo sind die Toten von Hoheneck" stellt sie im Rahmen einer Lesung von "Levliest!" am Montag, 27. April, 19 Uhr, im Forum vor.

"Eigentlich wollte ich aufhören zu recherchieren, aber dann bekomme ich wieder so herzerreißende Briefe und mache weiter", sagt die 77-Jährige. Die Geschichten über ihre Zeit im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck fließen nur so aus ihr heraus, sind wahrscheinlich Teil ihrer eigenen Bewältigungsstrategie. "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt die Journalistin. Die posttraumatischen Belastungsstörungen begleiten sie, seit sie von 1973 bis 1975 nach einem verratenen Fluchtversuch aus der DDR dort inhaftiert war. Ausgerechnet ihr Mann, Spitzensportler und Sportjournalist Klaus Thiemann, hatte sie verraten. Erst später entdeckte Ellen Thiemann, dass ihr Mann für die Stasi Spitzeldienste geleistet hatte. "Ich habe ihn nie wieder gesehen", sagt Thiemann, die seit 1975 in Köln wohnt, wohin sie nach der Haft mit ihrem Sohn ausgereist war. In Ihrem Buch "Der Feind an meiner Seite" hat sie ihn enttarnt.

Die Zeit im Zuchthaus war traumatisch. Für 600 Häftlinge angelegt, waren zur Zeit von Ellen Thiemann dort 1600 Frauen untergebracht und schliefen in Dreier-Stockbetten. "Wir waren zu 42 Frauen in einem Raum, mit einer Toilette, einem Waschtrog mit kaltem Wasser", erzählt Thiemann. Ihr Kind durfte sie nur einmal im Vierteljahr sehen. Sie als Republikflüchtige wurde besonders hart behandelt. "Wir wurden nicht als Politische bezeichnet oder als Strafgefangene, sondern als Staatsverbrecher. Das war das Allerletzte." Immer sei sie gepiesackt und degradiert worden. 16 Stunden pro Tag habe Thiemann arbeiten müssen.

Doch nicht nur über ihr eigenes Erlebnis schreibt die Journalistin. Sie beleuchtet in ihrem neuen Buch auch die Schicksale von Mitgefangenen, die sie nachträglich recherchiert hat. So gab es etwa Zwangsadoptionen von Kindern Gefangener, zahlreiche Selbstmorde, die gezielt vertuscht wurden, oder die berüchtigte Wasserzelle, die angeblich nicht existierte. Eine Frau wurde 42 Tage dort eingesperrt, die Füße immer im Wasser, die Pritsche zum Sitzen und Schlafen wurde nur nachts ausgeklappt. "Ihre Füße waren schwarz-violett und fast abgefroren, als sie rauskam", erinnert sich Thiemann. Hinterher hätten Stasi und SED-Leute abgestritten, dass es die Zelle gab, sagt Thiemann. Auch absichtlich verstrahlt worden seien Häftlinge, die immer noch an den Langzeitfolgen leiden. Für Thiemann ist dieses dunkle Kapitel der DDR-Geschichte noch lange nicht abgeschlossen. 1992 hatte sie zum ersten Mal Akteneinsicht. 24 Anzeigen hat sie erstattet, die alle keinen Erfolg hatten, da die Delikte zu dem Zeitpunkt alle schon verjährt waren. "Nur Mord verjährt nicht nach 15 Jahren, alles andere schon." Das frustriert die Journalistin, die nach ihrer Ankunft in Köln - dort wohnte bereits ihr Zwillingsbruder - erst bei einer Zeitschrift und später beim "Express" arbeitete. Trotzdem will sie weiterkämpfen. "So viele ehemalige Stasi-Leute laufen herum, ohne dass sie jemals angemessen bestraft worden sind - gerade in NRW", sagt Thiemann.

Quelle: RP
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