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Leverkusen
Heimat ist, wo wertvolle Menschen sind

Leverkusen. Bella Buchner wurde in Kasachstan geboren. In Deutschland wurde die Deutschstämmige als Russin betrachtet. Von Gundhild Tillmanns

Das Schicksal der wolgadeutschen Familie Buchner würde Bücher füllen: Die 47-jährige Bella Buchner wurde in Kasachstan geboren und wanderte 1994 mit ihrer Familie nach Deutschland aus. "Heimisch fühle ich mich inzwischen in Leverkusen", sagt sie. Mit ihrem Ehemann, der aus der Ukraine stammt, den 13- und vierjährigen Töchtern, hat Bella Buchner unter anderem als Vorsitzende des Integrationsrates sowie mit vielen weiteren Ehrenämtern in Leverkusen Wurzeln geschlagen, Doch die Orte ihrer Kindheit hat sie nicht vergessen, die Düfte, Emotionen, Bilder, aber auch das tragische Schicksal ihrer verfolgten Familie begleiten sie.

"Auch unsere 13-jährige Tochter bekommt unsere Familiengeschichte zu hören, ob sie will oder nicht", sagt Buchner, die vor allem wegen ihrer Familienodyssee einen besonderen Heimatbegriff hat: "Heimat ist weniger ein geografischer Begriff für mich. Heimat ist für mich da, wo wertvolle Menschen leben, die ich nicht missen möchte", sagt sie. Dabei denke sie gerade auch an den Schmelztiegel von Nationalitäten zurück, die durch die Verfolgung unter Stalin in Sibirien zu einer engen Notgemeinschaft zusammengefunden hatten.

Bella Buchners ältere Geschwister wurden noch in Sibirien geboren, wohin Stalin die Wolgadeutschen hatte deportieren lassen. Sie selbst kam 1973 in Kasachstan zur Welt, wo die Familie von der Zwangsarbeit und dem Eingesperrtsein in Sibirien befreit, ein etwas besseres Leben führen konnte. "Aber wir haben von Deutschland geträumt, hatten hinter dem Eisernen Vorhang falsche Vorstellungen von einer Glitzerwelt, die sich dann aber nicht bestätigten", erinnert sich Buchner an ihre erste Zeit in der neuen Heimat.

Nach dem Aufnahmelager in Una-Massen kam sie mit ihrer Schwester in eine Unterkunft an der Burscheider Straße. Den ersten Anschluss fanden die Mädchen, indem sie einem Kirchenchor beitraten. Eine Enttäuschung war für sie die deutsche Kultur, die sie in Kasachstan unter den Wolgadeutschen mit ihrer "alten" Sprache, Tänzen, Liedern und vor allem auch einem besonders ausgeprägten Bildungsstreben aufrechterhalten hatte: Davon habe sie in Deutschland nur wenig angetroffen.

"Ich habe aber gelernt, damit umzugehen und gebe das auch meinen Kindern weiter. Sie sollen selbstbewusst sein, kämpfen und auf Bildung setzen", betont die Mutter. In der alten UdSSR seien es schließlich die Deutschstämmigen gewesen, die trotz aller Repressalien einen großen Teil der geistigen Elite gestellt hätten. Und Bildung habe auch das Leben ihrer Familie bestimmt: "Als mein Großvater an Tuberkulose starb, gab er meiner Mutter als der ältesten Tochter von insgesamt sechs Geschwistern mit auf den Weg: Alle Kinder sollten eine Hochschulbildung erwerben. Und dafür hat sie auch gesorgt", berichtet Bella Buchner stolz. Gerade auch diesen Teil ihrer Familiengeschichte gibt sie an ihre Töchter weiter, damit das Familienschicksal nicht in Vergessenheit gerät.

In ihrer ehrenamtlichen Arbeit hat Bella Buchner in Leverkusen auch oft mit Flüchtlingsfragen zu tun. Sie hat dabei festgestellt, dass zum Beispiel die Tamilen, die vor langer Zeit als Flüchtlinge nach Leverkusen gekommen sind, ihrer neuen Heimat "sehr viel zurückgeben", lobt sie. Diese Bevölkerungsgruppe sei wegen ihres Fleißes und ihres Bildungsstrebens eine wichtige Stütze der Gesellschaft geworden. Deshalb sei es wichtig, dass Flüchtlingen einerseits viel gegeben werde, wie es in Leverkusen ihrer Beobachtung nach auch geschehe. Die Vorsitzende des Integrationsrates sagt aber auch, sie erwarte von Flüchtlingen, dass sie sich an die Regeln und Gesetze ihres Gastlandes hielten.

Quelle: RP
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