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Leverkusen
Hohe Haftstrafe für versuchten Totschlag in Flüchtlingsunterkunft

Leverkusen. Ein Bewohner schlug einen anderen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft an der Sandstraße mit einer Stange gegen den Kopf. Nun muss er drei Jahre und neun Monate in Haft.  Von Siegfried Grass

Nach der gut anderthalbstündigen Begründung des Urteils am Kölner Landgericht wurde deutlich: Die Richter haben es sich mit dem Urteil nicht leicht gemacht. Schließlich kamen sie unter Abwägungen aller Gründe, die für beziehungsweise gegen den 27-jährigen Angeklagten sprechen, zu dem Urteil: drei Jahre und neun Monate Freiheitsentzug.

Der Vorwurf lautet: versuchter Totschlag in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung. Die akkurate Abgrenzung zwischen den Anklagepunkten und einer Notwehr kann man nur verstehen, wenn man die Einlassungen des Beschuldigten mit den Zeugenaussagen vergleicht. Sicherlich kann sich der Angeklagte auf die Notwehr berufen, als er das schwer geschädigte Opfer mit dem Stock schlug. Er wollte sich verteidigen. Aber: Der dritte Schlag war zu viel. Nicht nur, dass er wahrscheinlich zu den heftigsten Verletzungen führte, unter denen das Opfer heute noch sichtlich zu leiden hat - nach drei Operationen am Kopf. Der dritte Schlag, vermutlich mit einem Rundholz, von einem Tischbein stammendend, wäre nicht nötig gewesen, so das Gericht. Die Auseinandersetzung am 17. April 2016 im Flüchtlingsheim an der Sandstraße in Opladen hatte sich aufgeschaukelt. Das Gericht erkannte an, dass sich der Angeklagte verteidigen durfte. Aber er hätte Abstand nehmen müssen, nachdem das Opfer schon wehrlos auf dem Boden lag und Blut aus Ohren und Nase floss.

Nach dem Angriff des stark alkoholisierten Opfers, das einschlägig vorbestraft ist und als aggressiv galt, konnte der Angeklagte keine Alternative sehen, als sich selbst zu verteidigen. Das stellte die Vorsitzende Richterin deutlich klar, strafrechtlich wäre diese Verteidigung nicht relevant gewesen. Weil der Angeklagte aber um den bereits auf dem Boden liegenden Verletzten einige Schritte herum ging und dann mit voller Wucht ausholte, bleibt es "versuchter Totschlag".

Erschwerend kam hinzu, dass die Aussagen des Angeklagten und seiner Angehörigen nicht schlüssig waren; zum Teil widersprachen sie sich auch mit den zuvor bei der Polizei gemachten Vernehmungen. Mit den Angaben des Gerichtsmediziners und den Aussagen anderer Zeugen, meist ebenfalls Bewohner der Notunterkunft an der Sandstraße, hatte sich für das Gericht ein schlüssiges Bild des Geschehens machen können.

Der Angeklagte, der seine junge und schwangere Frau, sein kleines Kind und seinen Vater zur Urteilsverkündung mitbrachte, muss nicht gleich ins Gefängnis, weil der Verschonungsbeschluss aufrechterhalten bleibt, aber die Aufforderung zum Haftantrag folgt. Vorerst besteht wegen der familiären Verhältnisse keine Fluchtgefahr. Womöglich muss der Bosnier aber mit seiner Ausweisung rechnen.

Quelle: RP