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Leverkusen
In Wiesdorf sind Sunniten und Schiiten beste Freunde

Leverkusen. Oft wurde Umay von Mitschülern gefragt: "Was bedeutet Ramadan?" oder "Warum isst du heute nichts?" Als sie davon im Philosophieunterricht erzählte, wurde die Idee zu einem besonderen Projekt geboren, das nach einem halben Jahr Arbeit nun fertig auf dem Tisch liegt: ein interkulturelles Kalendarium. Bewusst haben die Zehntklässler und ihre Lehrerin Evelyn Meessen der Realschule am Stadtpark ihren Kalender für 2016 so genannt, denn er ist viel mehr als eine Sammlung von ästhetisch illustrierten Monatsblättern. Von Monika Klein

"Man kann jeden Tag etwas lernen", erklärt Umay. Etwas lernen über religiöse Feiertage, Fest- und Gedenktage und deren Bedeutung. "Aufklärung im Sinne der Philosophie", fügt die Lehrerin hinzu. Durch Wissen über die Kultur des anderen entstehe Toleranz, die Basis für friedliches Zusammenleben. Das lag auch den beteiligten Schülern am Herzen, die Meessen als ihre Musterklasse bezeichnet: "Ich habe selten einen so guten Kurs gehabt." Während sie sich in ihren Ländern bekämpfen, sitzen hier Kinder aus sunnitischen und schiitischen Familien nebeneinander und können die besten Freunde sein, erklärt Ayman.

Migrationshintergrund haben fast 70 Prozent der Schüler der Wiesdorfer Schule. Sie kommen aus rund 40 verschiedenen Nationen mit noch viel mehr Sprachen. Bis auf Jason, den einzigen Deutschstämmigen im Kurs, sprechen Meessens Schüler von klein an mindestens zwei Sprachen. Das sei ein Schatz, hämmert sie ihnen immer wieder ein. Diese Sprachkenntnisse brachten sie beim Kalender-Projekt ebenso ein wie ihre familiären Traditionen und Lebensweisheiten.

Zuerst wurden Sprüche und Redewendungen für den Frieden gesammelt, in der Muttersprache auf kleine Zettelchen geschrieben und in den Händen der Autoren fotografiert. Ein langer Prozess, weil eine mühsame Auswahl vorausging, denn inklusive Deck- und Endblatt konnten nur 14 Fotos gedruckt werden. Als Titel wählte man ein Zitat von Bertha von Suttner, Friedensnobelpreisträgerin 1905: "Die Waffen nieder!", weil es kurz und prägnant ist. Das Septemberblatt zeigt ein Sprichwort in schönster arabischer Schrift, darunter die Übersetzung: "Zum Frieden braucht's zwei, zum Krieg reicht einer." Fidelia hält den Zettel mit einem afrikanischen Sprichwort auf Swahili: "Wenn die Elefanten sich streiten, ist es das Gras, das darunter leidet."

Die Zettel bieten Stoff zum Nachdenken, die eingetragenen Festtage vermitteln Wissen. Farblich verschieden sind Feiertage von Christen, Orthodoxen, Muslimen, Buddhisten, Juden und Yeziden gekennzeichnet. Wer das Monatsblatt hochklappt, bekommt eine verständliche Beschreibung zu den Tagen, die für einige Mitbürger besondere Tage sind.

Es war nicht leicht, die Daten für 2016 zu bekommen, sagt die Lehrerin. Hilfe bekam sie von einer Fürther Design-Agentur, die interkulturelle Kalender herausgab, der Rest war mühsame Recherche im Internet und bei Religionsgemeinschaften. Dank günstiger Sonderkonditionen der Firma Kröger Photographie & Imaging kann der Kalender für fünf Euro verkauft werden, darauf hatten die Schüler bestanden. Was übrig bleibt, wird an Ärzte ohne Grenzen in Syrien gespendet. Die erste Auflage von 200 Exemplaren ist fast ausverkauft, die zweite wird täglich erwartet. Verkauft wird montags und donnerstags in der ersten Pause vorm Lehrerzimmer.

Informationen Tel.: 0214 3102014 und im Internet www.rs-am-stadtpark.de.

Quelle: RP
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