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Leverkusen
ALS-Patientin nimmt an Film-Projekt teil

Leverkusen: ALS-Patientin Kerstin Wirth nimmt an Film-Projekt teil
Kerstin Wirth mit ihren Eltern Margit und Jörg. Bei der 24-Jährigen hat die Nervenkrankheit ALS einen sehr schnellen Verlauf genommen: Vor drei Jahren erkrankte sie und kann nun weder sprechen, noch sich bewegen. FOTO: Matzerath, Ralph
Leverkusen. Mit einer Challenge auf dem Rad will ALS-Patient Bruno Schmidt vom Leben mit der Krankheit erzählen. Daraus soll ein Film entstehen. Ein Kapitel spielt in Leverkusen: Kerstin Wirth ist gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Wir haben sie besucht. Von Verena Patel

Kerstin Wirth hat die Sprache verloren. In ihrem Zimmer schaut sie Tag für Tag auf einen Flachbildschirm und dahinter auf eine rosafarbene Wand. Ein Fußballtrikot hängt dort gegenüber dem Kopfende ihres Bettes. "Für Kerstin – Stefan Kießling" steht darauf.

Seit drei Jahren leidet die Leverkusenerin an der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Sie ist gelähmt, muss mit einer Maschine beatmet werden und wird über eine Magensonde ernährt. Sprechen kann sie schon länger nicht mehr. Sämtliche Muskeln, die dafür benötigt werden, sind als Folge der Krankheit erschlafft. Auch einen Augencomputer kann sie daher nicht mehr steuern.

Auch mit Beatmung mobil sein

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Doch Wirth lässt sich von alledem nicht abschrecken. Sie will leben. "Es ist Kerstin sehr wichtig, zu zeigen, dass man auch mit Beatmungsgerät mobil sein kann", sagt Mutter Margit Wirth. Über die Facebook-Gruppe "ALS – Der Wunsch zu leben" haben die Wirths den ALS-Patienten Bruno Schmidt kennengelernt. Er hat sich vorgenommen, mit dem Rad verschiedene andere Erkrankte zu besuchen. Die Filmemacher Lars Pape und Holger Schürrmann wollen von der Tour eine Dokumentation erstellen. "Alle lieben Schmidt" soll sie heißen. Am Donnerstag besucht Schmidt Kerstin Wirth. "In dem Film möchte Bruno die Facetten der Krankheit zeigen und wie die Betroffenen damit umgehen", erklärt Kerstin Vater Jörg Wirth.

So ist Kerstin immer noch aktiv, auch wenn sich ein Großteil des Alltags nun in ihrem Jugendzimmer abspielt: Gemeinsam reist die Familie – mit Begleitung von Krankenpflegern. Drei Poster, die die Skyline von Manhattan zeigen, vor einem Himmel mit fast unwirklichen Farben, prangen an den Zimmerwänden. "Die hat sie noch selbst aufgehangen", sagt Margit Wirth. New York ist Kerstins großer Traum.

Die Wirths selbst haben durch die Krankheit das Haus umgerüstet. Es gibt einen Rollstuhllift, "die Seilbahn", sagt Jörg Wirth schmunzelnd, unterhalb der Treppe. Auch einen Minivan mit Rampe hat sich die Familie angeschafft. Nach Hamburg, in die Lüneburger Heide oder zu Spielen in der BayArena sind sie damit regelmäßig unterwegs.

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Krankheit verläuft ungewöhnlich schnell

In ihrem Zimmer hat Kerstin Wirth eine Art Ahnengalerie der Fußballer verewigt. Ein Mehrfachrahmen hängt dort: Kerstin mit Michael Ballack, mit Stefan Kießling, mit Tranquillo Barnetta und André Schürrle. Sie strahlt. "Am Samstag schaut sie Bundesliga, sie ist immer schon ein riesiger Fußballfan gewesen", sagt Margit Wirth.

Die Krankheit hat bei Kerstin Wirth einen ungewöhnlich drastischen Verlauf genommen. Sie ist erst 24 Jahre alt, Ärzte stellten bei ihr einen sehr seltenen Gendefekt fest, der offenbar mit für den schnellen Verlauf der Krankheit verantwortlich ist. Als sie die ersten Symptome spürt, im August 2012, ist sie gerade in der Ausbildung zur Bürokauffrau. Dass etwas nicht stimmt, merkt sie, als es ihr immer schwerer fällt, Aktenordner ins Regal zu heben. Die Arme gehorchen nicht mehr. Schon bald kann sie nur mit Mühe eine Kaffeetasse heben. Dann beginnen auch die Beine schwach zu werden. Kurze Zeit später kann sie nicht mehr laufen. Sie muss mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Dort verschlechtert sich ihr Zustand derart, dass atmen nicht mehr geht. Seitdem wird sie mit einer Maschine beatmet. Im März 2013 erhält sie die Diagnose ALS.

Wirth kann nicht mehr kommunizieren

"Wir sind sehr gläubig. Anders hätten wir das alles wohl kaum so meistern können", sagt Margit Wirth. Derzeit kann Kerstin Wirth praktisch nicht kommunizieren. Ein Hirnstrom-Messgerät, das Elektroden mit einer Kappe verbindet, soll ihr helfen. Das Gerät misst die Ströme, wenn Kerstin "Ja" denkt oder "Nein". "So soll es einmal möglich sein, dass sie sogar ganze Sätze bilden kann", erklärt Jörg Wirth. "Bis dahin müssen wir aber noch viel trainieren."

Über der Tür von Kerstins Zimmer hängt ein hellblauer Bilderrahmen mit fünf Fotos. Zwei junge Frauen, die eine dunkelhaarig, die andere blon,d lächeln in die Kamera. In ihrer Mitte ein lebensgroßer Stoffpanda. "Das war Kerstins beste Freundin", sagt Wirth und deutet auf die blonde Frau. "Sie hat sich nicht mehr gemeldet, das ist sehr traurig. Aber es öffnen sich immer andere Türen." Zum Beispiel die von Bruno Schmidt.

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