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Leverkusen
Letzte Ruhe für König des Comic

Die Comics und der Bestatter
Die Comics und der Bestatter FOTO: Beerdigungsinstitut Schulz
Leverkusen. Gehören Comics ins Schaufenster eines Bestatters? Volker Schmitz findet: Unbedingt. Friedhöfe sind die Leidenschaft des gelernten Fotografen. In Brüssel hat er Hergés Grab besucht. Der ist der Vater von "Tim und Struppi", ein König des Comic. Von Bernd Bussang

Wer Volker Schmitz' Fotos vom Brüsseler Friedhof Cimetière du Dieweg betrachtet, bekommt eine Eindruck von diesem verwunschenen Ort. Die Patina einer vergangenen Zeit hat sich über die 1958 stillgelegte Ruhestätte gelegt wie das Moos über die Grabsteine. Als der Comiczeichner Hergé am 3. März 1983 an einem Lungenleiden starb, machte man für den berühmten Bürger der Stadt eine Ausnahme und bestattete ihn dort. Bei einem fotografischen Streifzug über den Friedhof entdeckte Schmitz das Grab des Comic-Zeichners und Vaters von "Tim und Struppi". Für den Leverkusener ein Anlass, sich erneut mit dem Werk des Belgiers zu beschäftigen, das er aus Kindertagen kennt. "Hergés Comics kann man auch heute als Erwachsener noch mit viel Freude lesen", sagt Schmitz. Seit einigen Tagen nun füllen Hergé, Tim und Struppi (Foto: dpa) sowie großformatige Fotos des Brüsseler Friedhofs das von dem Dekorateur Udo Bader kunstvoll gestaltete Schaufenster des Beerdigungsinstituts Schulz an der Küppersteger Straße. Das Familienunternehmen besteht seit 1929, Schmitz betreibt es gemeinsam mit seiner Frau.

Friedhof, Tod und Comic - wie passt das zusammen? Vorzüglich, ist der Bestatter aus Küppersteg überzeugt. Für ihn ist der Friedhof weit mehr als nur eine Ansammlung von Gräbern und Ort der Trauer. Dass der Friedhof immer weniger besucht wird und "aus der Mode gekommen" ist, bedauert Schmitz sehr. Für den gelernten Fotografen, der bei seinen Streifzügen mit der Kamera schon viele Friedhöfe gesehen hat, ist er weit mehr: Ein Ort der Natur, der Kunst, der Kultur, der Meditation, mitunter auch der Begegnung.

Bestatter Schmitz spricht von einem "entschleunigten Ort", an dem Menschen Ruhe finden können. "Es ist eine eigene Welt, dort gibt es nichts Schnelles mehr, dafür alte Bäume und eine reiche Tierwelt mit Vögeln, Hasen, Füchsen, ausgewilderten Katzen, auf ländlichen Friedhöfen sieht man auch mal ein Reh." Auch sei es ein Ort der verlorenen Zeit, der Erinnerung - nicht nur an nächste Angehörige. Schon in seiner Kindheit fühlte sich der in Köln-Ehrenfeld aufgewachsene Bestatter zum Friedhof Melaten hingezogen. Dort liegen nicht nur Promis wie Willy Millowitsch, die Schauspielerin Gisela Uhlen oder der Pianist Wilhelm Backhaus, sondern auch der Eismann aus Ehrenfeld, von dem Schmitz' das erste Eis bekam, der Fußballtrainer seiner Jugendmannschaft oder "die ahl Frau Schmitz vun dä Eck".

Und wer sich Zeit nimmt an diesem zeitvergessenen Ort und die Ohren spitzt, merkt schnell, dass es auch ein Raum für Begegnungen ist. "Eine Frau füttert verwilderte Katzen, eine andere stellt Wasser für andere Tiere hin", sagt Schmitz. Auch kämen Trauernde ins Gespräch, Witwen und Witwer etwa, die bald merkten, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind.

Ein vietnamesischer Pfarrer, der auf Einladung einer Familie nach Leverkusen gekommen war, zeigte sich tief beeindruckt von der europäischen Friedhofskultur. "Das macht euch keiner nach", sagte er zu Schmitz. Dessen Fotos vom Maastrichter Friedhof am Tongerseweg zeigen das auf eindrucksvolle Weise - die steinernen Engel, Totenmasken, die modernen und bisweilen humoresken Skulpturen, die Trauer in Heiterkeit auflösen wollen. Solche Anflüge von Heiterkeit erlebe er etwa auch in Gesprächen, wenn Trauende sich an Anekdoten aus dem Leben eines Toten erinnern, sagt Schmitz. Comics und der Tod müssen keine Gegensätze sein.

Quelle: RP
 
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