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Bewegung in Kitas
Leverkusen streitet über Angebot für unsportliche Kinder

Bewegung in Kitas: Leverkusen streitet über Angebot für unsportliche Kinder
Die Stadt Leverkusen und ein Sportverein streiten über ein Sportangebot für Kindergartenkinder. (Symbolfoto) FOTO: Shutterstock
Leverkusen. Ein Leverkusener Verein hat in einem städtischen Kindergarten seit Jahren ein Sportangebot speziell für unsportliche Kinder angeboten. Das soll es nun nicht mehr geben. Sport sollen nur noch die Kinder machen, die Lust dazu haben. Der Verein sieht dieses Konzept der Stadt kritisch. Von Sebastian Fuhrmann

Seit fünf Jahren kommen die Übungsleiter des SSV Lützenkirchen in den Kindergarten an der Werner-Heisenberg-Straße und machen kostenlos mit übergewichtigen und motorisch unterentwickelten Kindern Sport. Nun soll es damit vorbei sein: "Wir finden das nicht mehr zeitgemäß", sagt Angela Hillen, Leiterin des Fachbereichs Kinder und Jugend bei der Stadt Leverkusen.

Anfang dieses Jahres hat die Stadt Leverkusen auf der Grundlage des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) einen neuen pädagogischen Leitfaden für die Arbeiten in Kindergärten eingeführt. Darin heißt es, Kinder sollen sich eigenständig zu Gruppen zusammenfinden. Sie sollen selbst nach ihren Interessen entscheiden, welche Aktivitäten sie in einem Bildungsraum ausüben. Mit dem streng regulierten Bewegungsangebot des SSV Lützenkirchen passt das demnach nicht zusammen.

"So ein festes Angebot, das immer zu einer festen Zeit, an einem festen Ort, für eine ausgewählte Gruppe von Kindern stattfindet, widerspricht unserem offenen Konzept und jeder Form von Inklusion. Wir machen Angebote für alle Kinder", sagt Fachbereichsleiterin Hillen. Sie befürchtet, Kinder könnten als Sportmuffel stigmatisiert werden. "Wir sagen nicht: Du bist dick, du machst jetzt Sport. Kinder sollen bei uns die größtmögliche Eigenaktivität entwickeln." Das heißt: Sport macht nur, wer Lust dazu hat.

Unterschiedliche pädagogische Ansichten

Damit können die Verantwortlichen des SSV Lützenkirchen wenig anfangen. "Ich bin aus einer anderen Generation. Da ist man auch anders eingestellt", sagt Geschäftsführerin Inge Eisele. Sie meint, Kindern mit motorischem Defizit oder Übergewicht müsse auf die Sprünge geholfen werden, zum Beispiel mit Sportangeboten. Aber ist das überhaupt nötig?

Nein, sagen Fachleute: "Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Wenn genügend Anreize und Räume vorhanden sind, nutzen sie die auch", sagt Professor Eike Quilling vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Ein Zwang zur Bewegung könnte dazu führen, dass den Kinder die Bewegungsfreude genommen wird, was sich langfristig eher negativ auf das Bewegungsverhalten der Kinder auswirkt." Spielerische Motivation zur Bewegung, verschiedene Bewegungsangebote und Freiwilligkeit seien eine gute Kombination.

"Studien belegen, dass Bewegung und geistige Entwicklung im Zusammenhang stehen", sagt die Forscherin. Aber steht nun die Eigenständigkeit des Kindes über dessen Gesundheit - oder andersherum? "Man kann das eine nicht gegen das andere ausspielen, Kinder sollen selbst entscheiden und sich bewegen", sagt Quilling. 

Erziehungswissenschaftlerin Maria Anna Kreienbaum, Professorin an der Bergischen Universität Wuppertal, hält die Zusammenarbeit von Kindertagesstätten und Vereinen dennoch für wünschenswert: "Kinder machen durch angeleiteten Sportunterricht wertvolle Erfahrungen in Sachen Körpergefühl. Man kann nicht früh genug mit Sport anfangen", sagt sie. Ohne angeleitete Übungen würden manche Kinder diese Erfahrungen womöglich nicht machen. Die Erziehungswissenschaftlerin verweist auch auf die emotionalen Lernaspekte. "Kinder lernen beim Sport auch, mit Frust umzugehen, wenn etwas nicht klappt."

Wie einigen sich Stadt und Verein?

Ein Kompromissangebot der Stadt schlug der SSV Lützenkirchen erst einmal aus. "Wir haben angeboten, dass der Verein zu uns kommen darf, aber nur die Kinder mitmachen, die Lust haben", sagt Fachbereichsleiterin Hillen.

"Das ist aber nicht unser Ansatz", entgegnet SSV-Geschäftsführerin Eisele. "Unsere Idee ist es nicht, die Kinder zu erreichen, die sowieso gerne Sport machen, sondern die, die es nicht tun." Eine Lösung für den Streit zwischen den zwei Parteien mit unterschiedlichen pädagodischen Ansichten ist noch nicht in Sicht. Der Verein zeigt sich aber weiterhin gesprächsbereit. Auch die Stadt hat ihr Kompromissangebot bislang nicht zurückgezogen.

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