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Leverkusen
Medienexperte: Plakate stimmen Wähler nicht um

Leverkusen: Medienexperte: Plakate stimmen Wähler nicht um
Karl Lauterbach und Martin Schulz "mögen und respektieren einander" - so lautet die Botschaft des Plakats . FOTO: spd (2), cdu (2)
Leverkusen. Der Journalist, Medien- und Politikwissenschaftler Frank Überall hat Wahlplakate von Leverkusens aussichtsreichsten Kontrahenten um einDirektmandat im Bundestag analysiert - und dabei erstaunliche Details entdeckt. Von Peter Clement

In diesen Tagen haben Autofahrer auf den Straßen der Stadt wieder viel zu schauen und zu lesen, denn ihr Blick wird fast automatisch auf die großflächigen Wahlplakate gelenkt, mit denen die Parteien um Stimmen für die Bundestagswahl am 24. September werben.

Vor allem die beiden aussichtsreichsten Kandidaten für ein Direktmandat, Karl Lauterbach (SPD) und Helmut Nowak (CDU), lachen einem an vielen Ecken im Stadtgebiet entgegen. Aber überzeugen sie die Wähler auch, das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen?

"Wie man's nimmt", sagt Frank Überall: "Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Wahlplakate zwar auch in Zeiten von Facebook, Twitter und Co. immer noch eine enorm wichtige Funktion erfüllen - aber sie werden in der Regel keinen Wähler dazu bringen, die Partei zu wechseln." Die großflächigen Fotos der Kandidaten - mal mit einfachen, mal mit komplizierteren Botschaften versehen - dienten fast ausschließlich dazu, die eigene Klientel an die Wahlurne zu bringen.

Überall muss es wissen: Ist er doch nicht nur Professor an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Köln/Berlin), sondern auch Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Das heißt, er kennt sowohl die Perspektive des Wissenschaftlers, als auch die des Journalisten aus langjähriger Berufserfahrung. Für unsere Redaktion hat er sich jetzt jeweils zwei Plakate des Wahlkreis-Inhabers Lauterbach (SPD) und des 2013 über die Reserveliste in den Bundestag eingezogenen CDU-Kontrahenten Nowak genauer angesehen - und dabei erstaunliche Details entdeckt.

Beide Bewerber haben sich mit "politischen Schwergewichten" ihrer Bundespartei ablichten lassen. Bei Lauterbach ist das Kanzlerkandidat Martin Schulz. "Deutlich zu sehen: Die beiden gehen offensichtlich herzlich und natürlich miteinander um, scheinen einander zu mögen und zu respektieren", sagt Überall. Zumindest sei das die Botschaft: "Ob sie zutrifft oder einfach nur ein erstklassiger Fotograf am Werk war, lässt sich natürlich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aber das Bild wirkt zumindest authentisch."

Ob Martin Schulz allerdings auch noch so erfreut sei, wenn er den Text des Plakats lese, stehe auf einem anderen Blatt, findet der Medienprofessor. Lauterbach werbe da explizit um die Erststimmen, "die dem Kanzlerkandidaten Schulz eher wenig nützen, denn er braucht die Zweitstimmen". Davon sei aber keine Rede.

Christdemokrat Helmut Nowak wiederum habe sich im Promi-Plakat nicht für die Kanzlerin entschieden, sondern für den scheidenden Abgeordneten Wolfgang Bosbach. "Das kann man einerseits sicherlich auch mit der räumlichen Nähe begründen", sagt Überall. Immerhin sei Bergisch Gladbach von Leverkusen nicht weit entfernt. Nowak habe sich aber für den Slogan "Auf einer Linie" entschieden, "und da muss man natürlich auch wissen, dass Wolfgang Bosbach zu den stärksten innerparteilichen Kritikern Angela Merkels in bestimmten Fragen der Politik gehörte". Gewollt oder ungewollt - Nowak signalisiert damit nach Auffassung des in Leverkusen geborenen Wissenschaftlers eher Distanz zur Kanzlerin.

Ganz offensichtlich ist der "spätberufene" CDU-Bundestagsabgeordnete aber sehr stolz darauf, mit seinen 76 Jahren dem Hohen Haus anzugehören. Überall macht das an der Tatsache fest, "dass er der einzige Bundespolitiker weit und breit ist, den ich kenne, der auf Wahlplakaten den Anstecker trägt, der ihn als Abgeordneten ausweist." Dies sei sowohl auf dem Gemeinschaftsplakat mit Bosbach, als auch den Einzelplakaten deutlich erkennbar.

Apropos Einzelplakate: Da stellt Frank Überall Tendenzen fest, die er bei beiden Kandidaten kritisiert. Während Nowak seine Wähler deutlich unterfordere, laufe Lauterbach Gefahr, seine zu überfordern. Beispiel: Auf einem Nowak-Plakat steht "Arbeitsplätze sichern". Das sei eine völlig beliebige Botschaft, findet Überall, fast ähnlich der Kabarett-Kunstfigur Dr. Udo Brömme und seinem Slogan: "Zukunft ist gut für alle". "Will Herr Nowak Arbeitsplätze schaffen oder nur den Status quo halten - und wie? Dazu gibt es keine Info."

Lauterbach wiederum stelle sich in Leverkusen erst mal an einen Ort, der die Betrachter rätseln lasse, "wo das denn genau ist" und platziere dann noch eine auf Kombinationen fußende Botschaft: "Ein Tunnel kostet Geld. Dreckige Luft kostet Leben. Es ist Zeit." Bei den wenigen Sekunden, die Autofahrern in der Regel bleiben, ein solches Plakat zu betrachten, sei die Herausforderung schon "ziemlich sportlich".

Wer gewinnt den Wahlkreis? "Mit ihren Plakaten sprechen die beiden Kandidaten unterschiedliche Zielgruppen an", sagt Frank Überall. Das - verbunden mit der Wirkung von Plakaten generell - lasse den Schluss zu: "Keiner der beiden wird im Lager seines Kontrahenten wohl größere Beute machen."

Quelle: RP
 
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