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Neubau der A1-Brücke bei Leverkusen
Öffnung der Giftmüll-Deponie wäre "unkalkulierbares Risiko"

Neubau der Rheinbrücke bei Leverkusen: Ehemaliger Grünflächenamts-Chef warnt vor Deponie-Öffnung
Die Deponiebereiche Dhünnaue Nord und Dhünnaue Mitte aus der Luft gesehen. Unten im Bild ist die Landstraße L108. Oben führt die A1 auf die A59. FOTO: Miserius
Leverkusen. Für den Neubau der Leverkusener A1-Brücke soll die ehemalige Giftmüll-Deponie Dhünnaue geöffnet werden. Der einstige Leiter des Grünflächenamts der Stadt Leverkusen warnt dringend vor dem Eingriff. Von Peter Clement, Leverkusen

Er ist gewissermaßen der Erfinder der "Landesgartenschau Leverkusen 2005" und damit auch des Neulandparks. Für dieses Projekt habe er mehr als ein Jahrzehnt gekämpft und "drei Oberbürgermeister verschlissen", sagt Hans-Max Deutschle und lacht. Der einstige Leiter des Grünflächenamts bei der Stadt Leverkusen kann sich noch gut an die meisten Details erinnern, die sich auf dem Weg des Geländes von der "größten Giftmülldeponie Westeuropas" bis hin zu Leverkusens wichtigstem und beliebtesten Park mit Öffnung zum Rhein zugetragen haben.

Heute genießt Deutschle seinen Ruhestand in Troisdorf, nimmt aber immer noch großen Anteil an seiner einstigen Arbeitsstätte. Und der Mann, der die Gegebenheiten rund um das durch Dichtungsfolie und gigantische Spundwände abgesicherte Altlastgebiet Dhünnaue kennt wie kein Zweiter, spricht eine ausdrückliche Warnung an den Landesbetrieb Straßenbau (Straßen.NRW) aus: "Finger weg von der Deponie."

Niemand weiß genau, was in der Deponie steckt

Wer - wie jetzt für die Pfeiler der A1-Brücke geplant - die Abdichtung des Giftmüll-Lagers durchstoßen wolle, müsse sich klarmachen, dass er "die Büchse der Pandora öffnet", sagt der Garten- und Landschaftsexperte. Bayer, die Stadt Leverkusen, aber auch ein Schlachthof und andere hätten über viele Jahre hinweg ihre Abfälle auf die Deponie gekippt. Das Ganze sei heute ein unkalkulierbarer Mischmasch. Und da die Deponie bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurückreicht, "weiß auch niemand so ganz genau, welche Überraschungen noch verborgen sind", warnt Deutschle.

Hans-Max Deutschle, der ehemalige Chef des Leverkusener Grünflächenamtes, holte die Landesgartenschau 2005 nach Leverkusen. FOTO: Seibel, Peter

Unterstützung erhält er dabei von seinem damaligen Chef: Dr. Walter Mende war Oberstadtdirektor und später Oberbürgermeister, als es darum ging, die Idee seines Amtsleiters politisch durchzusetzen. Er bestätigt: "Die Deponie Dhünnaue einzupacken, mit enormen Wänden zum Rhein hin abzusichern - das alles war in seiner zeitlichen Dimension so angelegt wie der Sarkophag von Tschernobyl: für die Ewigkeit - und das aus gutem Grund."

Drei Millionen Tonnen Müll

Auf der 25 Hektar großen Fläche lagern etwa drei Millionen Tonnen Müll. Als Werksdeponie von Bayer nahm sie zwischen 1923 und Ende der 1940-er Jahre neben hausmüllähnlichen Abfällen und Chemierückständen vor allem Bauschutt auf.

In die Schlagzeilen kam das Gelände durch eine Umweltverträglichkeitsprüfung 1985. Die Gefährdungsabschätzung ergab, dass die Altlast durch ein Dichtungssystem gesichert werden müsse, das jeden Kontakt zwischen Mensch und Boden verhindern muss. Auch gegen das Eindringen von Regenwasser müsse das Gelände gesichert werden, hieß es. Und nicht zuletzt gegen den unkontrollierten Austritt belasteter Bodenluft.

Menschen mussten umgesiedelt werden

Deutschle erinnert sich: "Im Keller einer Schule waren damals Ausblühungen an den Wänden entdeckt worden, die die ganze Farbpalette umfassten." Gesundheitsgefährdende chemische Stoffe seien einfach so heruntergetropft. Die gesamte Wohnsiedlung rund um die Altlast musste abgerissen werden. Hunderte Menschen wurden umgesiedelt. Auch Straßen und Leitungen mussten weichen.

A1: So laufen die Probebohrungen für neue Rheinbrücke FOTO: Miserius, Uwe

Deutschle war ein Gartenbau-Chef mit Visionen, genau deshalb hatte Mende ihn aus Troisdorf nach Leverkusen geholt - und er war damals genau der richtige Mann am richtigen Platz. Er kam auf die Idee, Kosten zu minimieren und das Gelände gleichzeitig wieder für die Bevölkerung nutzbar zu machen: mit einer Landesgartenschau auf der abgedichteten Deponie.

"Ich war sofort Feuer und Flamme", erinnert sich SPD-Grande Walter Mende: "Und wir hatten ein Riesenglück, dass wir ideale politische Mitstreiter fanden." Denn die damals gerade ins Amt berufene NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) war keine Freundin von Gartenschauen. "Sie hatte damals jedoch einen Büroleiter, der aus unserer Stadt kam - Klaus Wolf", sagt Mende, Der Gründervater der Leverkusener Grünen "hat uns mit viel Engagement geholfen".

Mindestens ebenso hilfreich war es wohl, dass Mende einen guten Draht zum damaligen Kölner Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes pflegte. Der streitbare Kommunalaufseher und die schwierige Grünen-Ministerin konnten sich Mende zufolge nämlich "nicht ausstehen". Diese Gemengelage hätte alles kaputt machen können.

Landesgartenschau nur unter strengen Auflagen

Mit einem Ortstermin auf der Deponie, "bei dem wir alle das Gefühl hatten, durch eine Mondlandschaft zu stolpern", gelang jedoch der Durchbruch, berichtet Mende: "Wir haben Frau Höhn davon überzeugen können, dass es sich hier nicht um eine Blümchenschau handeln würde, sondern ein hochgefährliches Gelände gesichert, mit einer neuen Nutzung mit hohem Freizeitwert für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Stadt Leverkusen zum Rhein hin noch weiter geöffnet werden kann."

Deutschle erhielt seine Landesgartenschau, wenn auch mit strengen Auflagen. So durfte keine Veränderung der Geländemodellierung vorgenommen werden. Tief wurzelnde Bäume waren tabu, und künstliche Wasserflächen auf dem Gelände verboten.

Deutschle verwirklichte das Projekt trotz aller Auflagen - immer unterstützt von seinem jeweiligen Oberbürgermeister, sei es nun Walter Mende gewesen, Paul Hebbel (CDU) oder Ernst Küchler (SPD). "Und meinem tollen Team", wie er sagt - zeitweilig bis zu 100 Mitarbeiter, die meisten ehrenamtlich. Der Bau der Abdichtung dauerte fünf Jahre. Dabei wurde eine 3,6 Kilometer lange und bis zu 40 Meter tiefe Sperrwand zum Rhein als Grundwasserbarriere gezogen. Umgerechnet 110 Millionen Euro kostete der Altlastschutz - das meiste getragen von Bayer, dazu kamen die LaGa-Millionen des Landes: "Wir sind als Stadt finanziell wirklich gut weggekommen", stellt Mende noch heute mit Genugtuung fest.

"Bayer wurde bei Arbeiten nervös"

Deutschle wiederum erinnert sich an eine Szene, die verdeutlicht, wie hochsensibel der Umgang mit dem belasteten Gelände immer war: "Ich hatte auf dem Grundstück, auf dem während der Landesgartenschau später der Gartenmarkt stand, ein bisschen mit dem Bagger gearbeitet, als plötzlich Mitarbeiter des Bayer-Werksschutzes und Polizeibeamte vor mir standen. Ein Bayer-Verantwortlicher fragte mich, ob ich noch alle beisammen hätte", beschreibt er die skurrile Situation. Jetzt solle das gleiche Gelände geöffnet werden - "und auf einmal ist alles harmlos?"

Politik-Urgestein Mende hat einen Erklärungsansatz: "Die Generation, die heute über solche Fragen entscheidet, kennt den Vorlauf von damals häufig gar nicht mehr richtig. Was wirklich los war, wie gefährlich die Lage von allen Beteiligten geschildert wurde, wie nervös auch die Bayer-Leute waren - das alles ist ihnen nicht so präsent ."

Deutschle und Mende - der Gartenbauexperte und sein Stadtchef - wollen mit ihrer Warnung zumindest erreichen, dass die Entscheider von heute die Gegebenheiten von damals nicht ausblenden. "Sich zurückzulehnen und zuzugucken, was passiert", sagen beide übereinstimmend, "das geht bei einer so weit reichenden Entscheidung nicht."

Quelle: RP
 
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