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Japanischer Garten in Leverkusen
Opulent-strenges, geheimnisvolles Kleinod

Japanischer Garten in Leverkusen: Opulent-strenges, geheimnisvolles Kleinod
Die Anlage entspricht nicht ganz der asiatischen Gartenkunst. Wunderschön ist der Japanische Garten trotzdem. FOTO: Miserius, Uwe
Wiesdorf. Der Japanische Garten ist ein Schummler. Die Anlage entspricht nicht ganz der asiatischen Gartenkunst. Wunderschön ist er trotzdem. Von Ludmilla Hauser

Der wirkliche Exot im Japanischen Garten am Leverkusener Chempark sind nicht die Sumpfzypressen oder der Japanische Ahorn, die Zierkirschen, Magnolien und Kamelien. Der wirkliche Exot ist einer, der dem Laien nicht sofort ins Auge sticht: eine ungarische Eiche, die unweit des schmucken japanischen Teehauses mit asiatischem Doppeldach an einem der vielen sanft plätschernden Gewässer steht.

Unter ihm eine hellsteinerne Gottheit auf einem Vierbeiner im Wasser. Die Dame hält den Kopf eines kleinen Menschleins in der Hand, dessen Körper noch neben ihr steht. Am Ufer sprießen vorsichtig keine blaulilafarbene Knospen, als prüften sie noch, ob´s wirklich Frühling werden will. Manche frühblühende Zierkirsche ist da forscher und entfaltet rosa Tupfer über dem erwachenden Garten: Der aus zweierlei Hinsicht eine Besonderheit ist, wie Dipl.-Ingenieur (Garten- und Landschaftsarchitektur) Michael Frinke, fachlicher Leiter der Gartenabteilung bei Chempark-Betreiber Currenta, sagt.

Zum Einen sei es "absolut ungewöhnlich, dass mitten in einem Industriestandort solch ein Garten existiert". Zum anderen sei dieser Japanische Garten von der Ästhetik her kein reiner Japanischer Garten. Carl Duisberg, der frühere Bayer-Direktor, ließ den Garten anlegen, nachdem er seinen Wohnsitz 1912 nach Leverkusen verlegt hatte. Duisbergs Leidenschaft galt der Gartenkunst, ganz speziell der Bonsai-Zucht, und der Mann reiste gerne.

Michael Frinke, fachlicher Leiter der Currenta-Gartenbauabteilung, liebt die ungewöhnlich liegende Grüne Insel am Chempark. FOTO: Matzerath, Ralph

Oft auch nach Asien. Von dort brachte er die die Idee zum Garten mit. Im hübschen Buch "Der Japanische Garten in Leverkusen", das Bayer einst her-ausbrachte, ist sogar davon die Rede, dass neben den beiden Leverkusener Architekten auch ein Japanischer Gärtner engagiert wurde, "der Detailtreue garantieren sollte. Der Mann verschwand jedoch bald zu aller Erstaunen wenige Wochen nach dem Attentat von Sarajewo und ward nie mehr gesehen", wie Duisbergs Sohn in einem Brief berichtet.

Michael Frinke sagt, Duisberg habe bei der Anlagengestaltung im Sinn gehabt, die minimalistische asiatische Gartenkunst mit der europäischen Opulenz zu mischen. So passt auch die ungarische Eiche ins Bild, die laut Frinke kein Allerweltsbaum ist. Und wohl keiner, den Duisberg gepflanzt hat.

Als das Bayer-Hochhaus Anfang der 60er Jahre gebaut werden sollte, wurde der Japanische Garten verlegt, ein paar hundert Meter nur. Das Teehaus sei in einem Stück vom Ursprungsstandort an den heutigen transportiert worden, erzählt Frinke. "Es gibt ein Bild von dem verlegten jungen Garten, da sind die Pflanzen alle noch sehr klein." Deshalb geht Frinke davon aus, dass von Duisbergs Originalbepflanzung nur wenig bis eher gar nichts übrig ist.

Dem Garten ist´s nicht anzumerken, zu sehr lenken die vielen Details auch ab von solchen Fragen. Steinerne Löwen bewachen die dreibogige überdachte Brücke am Haupteingang, über den Teich verlaufen "Step Stones", die beim Betreten fast ein bisschen glauben machen, man könnte übers Wasser gehen. Das hat vielleicht auch eine ältere Dame gedacht, "die mit ihrem Rollator über die Steine laufen wollte. Davon konnten wir sie glücklicherweise noch abhalten", erzählt Frinke aus dem Schatzkästchen der Garten-Anekdoten. Auch gestern wagte sich eine Besucherin trotz Gehhilfe über die Steine.

Fotos: Die schönsten Parks der Region FOTO: Uni Düsseldorf

Zu den Anekdoten gehört auch dies: der Anruf eines besorgten Parkbesuchers, der meldete, die Koi-Fische im Teich seien tot, sie lägen alle an der Oberfläche. Die Gärtner, zwei sind fast jeden Tag im Garten, konnten den Anrufer beruhigen: Die Kois sonnen sich auf diese Weise nur. Eine andere Dame wollte die Mitarbeiter dringend an einen Tatort zitieren, in dem just in dem Moment die Massenvergewaltigung einer Ente durch zwei Erpel stattfinden würde, wie die Besucherin sehr aufgebracht meldete. "Als wir dort ankamen, schwammen Ente und Erpel einträchtig auf dem Teich", erzählt Michael Frinke schmunzelnd.

Vor zwei Jahren haben die Gärtner ein neues Bepflanzungskonzept umgesetzt: weg von der typischen Wechselbepflanzung hin zu mehr Staudenbepflanzung. Ziel: Zeit- und Kostenaufwand zu senken. Verbreitert wurden im Japanischen Garten hingegen die Wege. "Es gab teils nur rund 80 Zentimeter breite Pfade, das ist sehr schmal und nicht behindertengerecht. Nun sind sie gut 1,20 Meter breit, so dass zwei Leute nebeneinander gehen können. Zudem gibt es einen barrierefreien Rundweg." Der führt unter anderem am Teehaus vorbei, das bis auf ein paar schwarze Stühle noch original ausgestattet ist. Es zu nutzen sei nur dem Bayer-Vorstand vorbehalten. Aber durch die Fensterscheiben lohnt der Blick hinein zu besonderen Stehlampen, ungewöhnlichen Deckenlampen und einer Art 3D-Schnitzerei, bei der Drachenköpfe und Figuren aus den Reliefs herauszukommen scheinen. Die Holzvertäfelungen sind fein verziert. Der Ausblick ist theoretisch auf eine große Skulptur, eine Vase mit reichen Verzierungen auf dem Balkon gerichtet. Wenn sie denn da wäre...

Weil vor einigen Jahren im Carl-Duisberg-Park wertvolle Bronzestatuen gestohlen wurden, ging Bayer auf Nummern sicher und entfernte alle Metallplastiken aus Park und Japanischem Garten. In etlichen Teichen blubbern die Wasserspiele nur vor sich hin, statt aus stattlichen Vasen oder aus Mündern filigraner Wesen zu sprudeln. "Ich hoffe, die Statuen kommen bald wieder. Sie machen doch auch einen sehr großen Reiz im Garten aus", sagt Frinke. Nach Bayer-Angabe wird an einem Konzept gearbeitet, die Statuen sicher irgendwo zeigen zu können. Wann das sein werde, stehe noch nicht fest. Und so fehlt auch der Buddha und und mit ihm eine ungelöste Geschichte des Gartens: "Jeden Morgen hatte die Figur frische Blumen in der Hand", erzählt Michael Frinke. "Wir wissen bis heute nicht, wer sie jeden Morgen dorthin gebracht hat."

Es ist eines dieser Geheimnisse, die den Japanischen Garten, der die sich stetig wandelnde Chempark-Landschaft seit gut einem Jahrhundert überdauert hat, so anziehend machen. Für Chempark-Beschäftigte in der Mittagspause, für tausende Wochenend-Besucher und für asiatische Firmenpartner, die laut Frinke davon fasziniert seien, dass der nicht ganz japanische Japanische Garten in Leverkusen existiert.

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