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Leverkusen
Orpheus rockt

Leverkusen: Orpheus rockt
Krystian Adam überzeugte als Orpheus in der modernen Adaption der barocken Oper von Claudio Monteverdi. FOTO: Dirk Peuser
Leverkusen. Moderne trifft Barock im Erholungshaus. Mit "Orfeo 2.0" funktionierte das. Nur der Technik-Einsatz schmälerte den Genuss. Von Monika Klein

Der Stoff ist hinlänglich bekannt, deswegen wird auf eine Untertitelung verzichtet: Der begabte Sänger Orpheus nimmt all seinen Mut zusammen, um seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt zu erretten. Doch im letzten Moment scheitert er, weil er den Weg nicht schafft, ohne sich umzublicken. Eine emotionale Geschichte mit tragischem Ende in tiefer Trauer, die Claudio Moneverdi in seiner Oper "Orfeo" von Streichern mit seufzenden Motiven zum Ausdruck bringen lässt. Das war auch bei der Premiere von "Orfeo 2.0" bei Bayer Kultur im Erholungshaus so.

Doch im Gegensatz zu Monteverdis Uraufführung in Mantua vor 410 Jahren stimmten hier Schlagzeug und elektronische Gitarrenklänge ein, die zuvor sogar die Oberhand hatten. Die große Dramatik wird von elektronisch verzerrtem und erzeugtem Sound geradezu filmtauglich auf die Spitze getrieben. Tenor Krystian Adam hält, wie auch seine sechs Kollegen im Solistenensemble, standhaft seine Partie im Original dagegen, und es funktioniert.

Der Komponist und Cembalist Massimiliano Toni hat dieses Arrangement auf der Grundlage der Musik Monteverdis über zehn Jahre hinweg zu einer ausgewachsenen, aber dabei immer noch auf dem Original basierenden Produktion entwickelt, die er "a baRock opera" nennt. Die Schreibweise ist entscheidend, denn bei ihm gewinnt der Rock in der Barockoper an Gewicht, verknüpft mit weiteren moderneren Genres wie Blues, Funk, Karibik-Rhythmen, progressivem Rock und zuweilen dem experimentellen musikalischen Chaos. Und dann wird das Ganze optisch verstärkt durch Video-Projektionen von Jean-Paul Carradori.

"Ziel ist es aufzuzeigen, dass Monteverdi mit seinen bahnbrechenden musikalischen Neuerungen den Weg für so ziemlich alles geebnet hat, was nach ihm kam", erläuterte Toni, der die Aufführung selbst zwischen Cembalo und E-Orgel leitete, seine Motivation.

Das konnten die Besucher des Abends auf jeden Fall bestätigen. War man anfangs noch bestrebt, die Einsätze der beiden Ensembles auf ihren Podien mit 400-jähriger Lücke zu unterscheiden, fiel die Einordnung zusehends schwerer, so sehr vermischten sich die Kompositionen zu einem neuen Werk. Immerhin optisch getrennt spielten das Ensemble "l'arte del mondo" - in kleiner Besetzung mit Leiter Werner Ehrhardt am ersten Pult - auf der linken Seite und rechts die Rockband "Pigreco" mit ihrem faszinierenden Saxophonisten, der in diversen Soli mit dem gewissen Garbarek-Effekt arbeitete. Erstklassige Musiker waren da zusammengetroffen, auch die Besetzung der Gesangsrollen ließ musikalisch und gestisch keine Wünsche offen.

Krystian Adam begeisterte als Orfeo ebenso wie Natalia Rubiœ als Euridice und die Kollegen Jorge Juan Morata, Federico Sacchi, Francesca Lombardi Mazzulli. Die feinen Ausdrucksnuancen, über die alle diese Stimmen verfügen, gingen allerdings bei dieser mikrofonierten Aufführung unter. Da blieb nicht mehr als der übliche Musical-Sound, wenn auch auf höchstem Niveau. Dasselbe trifft auch auf die alten Instrumente zu, die man nicht direkt, sondern nur über Lautsprecher wahrnehmen konnte. Da verliert es das körperliche, die lebendige Wärme des Holzes im Live-Konzert. Das war der Preis, den man für diese Zeit und Genre übergreifende Neuschöpfung zahlen musste. Nur mit Technik - und lauter Aussteuerung - ließen sich die unterschiedlichen Klangkörper ausblancieren. Den Hörgewohnheiten junger Menschen kommt das entgegen, deswegen gab es ein "Education-Programm" für Schulen.

Wiederholung: 28. September, 20 Uhr, Burgplatz, Düsseldorf.

Quelle: RP
 
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