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Leverkusen
Retten Notärzte ihre Patienten zu Tode?

Leverkusen. Ein Vortrag zum "Notfalltag 2015" im Leverkusener Forum hat reichlich Aufmerksamkeit ausgelöst. Die Medizinaloberrätin Renate Bohnen von der Bundespolizei kritisierte das Verhalten von Notärzten im Einsatz. Von Gabi Knops und Peter Korn

"Der einzige, der wirklich helfen kann, ist nicht der Notarzt an der Einsatzstelle, sondern der Chirurg im Krankenhaus." - "Die Gefahr ist groß, dass Verletzte nach Schuss- oder Stichverletzungen verbluten, weil sie zu lange am Tatort bleiben und übertherapiert werden." - "Man hat festgestellt: Je qualifizierter das Rettungspersonal am Einsatzort war, desto höher war die Sterblichkeit."

Diese Sätze an sich sind schon ungewöhnlich, doch aus dem Mund einer Medizinaloberrätin und ausgesprochen vor Fachpublikum haben sie das Zeug zum Sprengsatz.

Im Leverkusener Forum wurden einige hundert Teilnehmer, darunter Notärzte und Rettungsassistenten aus ganz Deutschland, jetzt Zeuge dieses provokanten Vortrags, den Renate Bohnen zum "Notfalltag 2015" hielt. Sie ist Leiterin des Polizeiärztlichen Dienstes der Spezialeinheit GSG 9 - und ihr Vortrag drehte sich um "Notfallmedizin in polizeilichen Gefahrenlagen".

Gerade bei Schuss- oder Stichverletzungen, wie sie auch in Deutschland mittlerweile immer öfter vorkommen, seien Notärzte oft überfordert, bemängelt die Polizeiärztin. Der Notarzt habe alles gelernt und wolle entsprechend alles versuchen - doch das koste wertvolle Zeit. Dabei sei eigentlich nur eins wichtig: dass der Verletzte sofort auf den OP-Tisch komme, denn nur da könne man ihm wirklich helfen, Blutungen zu stoppen.

Kein Zweifel: Renate Bohnen hat mit ihrem Vortrag in Leverkusen Eindruck gemacht. Aber retten Notärzte Gewaltopfer wirklich zu Tode?

Das geht Peter Gretenkort denn doch zu weit: Der Leiter des Instituts für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie in Viersen ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Notärzte in NRW. Er sagte gestern auf Anfrage unserer Redaktion, der Vortrag sei ihm deutlich zu zugespitzt. Allerdings sei das Thema der Ärzteschaft nicht fremd: "Es gibt eine breite Diskussion darüber, in welchen Fällen direkt ins Krankenhaus transportiert werden muss, auch auf die Gefahr hin, dass der Patient zu instabil ist, und wann man ihn zunächst vorbereiten muss", räumt der Experte ein.

Ausgelöst worden sei die Debatte schon 1997 nach dem Unfalltod der britischen Prinzessin Diana in Paris. Untersuchungen lassen Gretenkort zufolge demnach den Schluss zu, dass Lady Di vermutlich überlebt hätte, wenn sie eine halbe Stunde früher ins Krankenhaus gekommen wäre. Der Rettungswagen habe jedoch einen Umweg genommen - mit fatalen Folgen. Diana sei an einem Gefäßriss der Lunge verblutet.

Den Patienten erst stabilisieren, ihm eventuell schon Zugänge für künstliche Beatmung legen, oder ihn unverzüglich, dafür aber "auf der letzten Rille" transportieren mit der Gefahr, dass die Atmung aussetzt - diese Entscheidung muss Chefarzt Gretenkort zufolge in jedem Einzelfall getroffen werden.

Genau das spreche aber für den Notarzt, denn der habe die Kompetenz, so etwas zu entscheiden. "Ein geringer qualifizierter Rettungsassistent hat keine Wahl, als sofort zu transportieren", sagt Gretenkort.

Und das berge Risiken, die ernsthaft keiner in Kauf nehmen könne.

Quelle: RP
 
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