| 18.26 Uhr

Leverkusen
Schon Zwölfjährige zur Prostitution gezwungen

Leverkusen. Der Zonta-Club Leverkusen informiert über den Kampf gegen Loverboys, auf die auch in Leverkusen jedes Mädchen hereinfallen könnte. Von Gundhild Tillmanns

In fast 40 Jahren als Kriminalhauptkommissarin in Berlin hat Bärbel Kannemann zwar viel gesehen und erlebt: Das größte Elend und die größte Brutalität seien ihr aber erst begegnet, seitdem sie sich als Pensionärin um Mädchen kümmere, die sogenannten Loverboys zum Opfer gefallen sind: Das sagt die 67-Jährige, die heute auf Einladung des Zonta-Clubs Leverkusen über eine besonders widerwärtige Form von Zwangsprostitution spricht.

Die Arbeit des von ihr gegründeten Hilfsvereins "No Loverboys" ist eine gefährliche: "Ich werde bedroht und erpresst", gibt die couragierte Frau an, die es wagt, gewissenlosen Sexhändlern ihre Geschäfte kaputt zu machen. Deshalb tritt auch nur sie in der Öffentlichkeit auf, die übrigen Vereinsmitglieder aus Eigenschutz nicht.

Doch die gefahrvolle, ehrenamtliche Arbeit lohnt sich: "Wir haben bis zu 750 Anfragen pro Jahr, und manchmal kommen zehn Anrufe pro Tag", berichtet Kannemann. Denn ein Opfer von sogenannten Loverboys könne fast jedes Mädchen werden: Schon Zwölfjährige würden zunächst umworben und verwöhnt, manipuliert und von ihrem sozialen Umfeld isoliert: "Sie haben dann wirklich nur noch diesen Mann, auf den sie hereingefallen sind, und führen oft auch ein Doppelleben, weil sie sich vor ihren Eltern schämen", beschreibt Kannemann die Situation.

Mit Drogen und Gewalt, vor allem auch mit Androhungen, andere Familienmitglieder zu vergewaltigen oder zu ermorden, hielten die Loverboys ihre Opfer in Schach. "Und die Drohungen werden gegenüber den Mädchen auch immer wahr gemacht", weiß Kannemann.

Minderjährige Mädchen würden in Hotels oder Wohnungen zur Prostitution gezwungen, ältere in Bordells oder auf dem Straßenstrich, berichtet die ehemalige Kriminalkommissarin. Doch dabei bleibe es nicht: "Die älteren Mädchen werden auch noch zu Nebentätigkeiten genötigt wie Drogenhandel, Autos oder Wohnungen für die Minderjährigen-Prostitition zu beschaffen."

Um den verzweifelten Mädchen den Ausstieg zu ermöglichen, verfügt der Verein über Geheimwohnungen und ein Netzwerk von Hilfepartnern. Doch nicht immer gelingt der Ausstieg, das Leben nach der Zwangsprostitution und der Enttäuschung fürs Leben: Da ist die 14-Jährige, die am Grab ihres Vaters Suizid verübt, weil sie mit der Scham nicht fertig wird. Da sind aber auch die gestärkten Mädchen, die sich auf der Internetseite von "No Loverboys" gegenseitig Mut machen.

Das liest sich so: "Kampfansage Mädels! Erinnert ihr Euch? Ein einziger Moment hat unser Leben für immer verändert. Wir hätten alle diesen Weg nie freiwillig gewählt. Wir waren normale Mädels. Jede hat ihr Datum im Kopf, an dem ihr Leben für immer verändert wurde. Jede von uns hat schwere Zeiten hinter sich. Keine hat es freiwillig getan. In der Zeit wurden uns physische wie psychische Narben zugefügt...aber ein wachsames Auge kann viele Mädels schützen und ihnen helfen, nicht rückfällig zu werden."

Dieses "wachsame Auge" ist für Bärbel Kannemann und ihre Mitstreiter vor allem auch die Elternarbeit. "Auch wenn die Mädchen in die Prostitution gezwungen wurden, sie sind doch die Kinder ihrer Eltern", sagt Kannemann, die auch viel dafür tut, dass Scham und Unverständnis zwischen Kindern und Eltern ausgeräumt werden. Zwar habe es bislang noch keine besonderen Ermittlungserfolge in der Loverboy-Szene gegeben, räumt Kannemann ein . Sie rät aber zu Vorsicht und Skepsis, "wenn etwa ein 18-Jähriger mit einem superteuren Auto daherkommt und sich nur über das definiert, was er an materiellen Dingen so alles haben kann."

Quelle: RP