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Olympische Momente Paul-Heinz Wellmann
Der Olympia-Veteran

Leverkusen. 1976 gewann er Bronze in Montreal. Nun erlebt Paul-Heinz Wellmann, der Geschäftsführer der TSV-Leichtathleten, seine elften Olympischen Sommerspiele als Athlet, Trainer oder Funktionär. Von Dorian Audersch

LEVERKUSEN An seinen größten sportlichen Triumph kann sich Paul-Heinz Wellmann auch nach rund 40 Jahren genau erinnern. Es war im Sommer 1976 in Montreal. Mit der drittschnellsten Zeit überquerte der damals 24-jährige Läufer die Ziellinie - Bronze über 1500 Meter. "Das war eine der prägenden Erfahrungen meines Lebens", sagt er. "Die Erinnerung ist so lebendig, als sei es gestern gewesen." Mit einer Medaille habe er damals nicht gerechnet. Die Ehrenrunde durchs Stadion, der Jubel auf den Rängen, die Flagge und die Hymne bei der Siegerehrung - "die Freude war riesig."

Die Medaille, inzwischen hat sie einen Ehrenplatz in seinem Arbeitszimmer, sei allerdings vor allem seinem Trainer Gerd Osenberg zu verdanken. Bereits nach den Vorläufen sei er ziemlich erschöpft gewesen, erzählt Wellmann. An eine gute Zeit habe er nicht mehr geglaubt. Osenbergs schlichte Antwort: "Die anderen sind genauso fertig." Irgendwie habe das bei ihm die letzten Reserven aktiviert. In 3:39,3 Minuten schafft er die 1500 Meter.

Kurz danach nahm seine Karriere als aktiver Sportler allerdings ein abruptes Ende. 1977 muss er an beiden Achillessehnen operiert werden, 1978 erneut. Leistungssport war nicht mehr möglich. Danach wurde er Trainer - und später Funktionär. Den Weg nach Leverkusen fand er indes etwas früher. Bis 1974 startete der Leichtathlet für seinen hessischen Heimatverein TV Haiger. In das Rheinland kam er durch seine damalige Lebensgefährtin - eine Leverkusenerin. Das passte nicht nur privat, sondern auch aus sportlicher Sicht. Schon damals war Leverkusen ein guter Standort für Leichtathleten. "Der Wechsel zum TSV war eine der wichtigsten und prägendsten Entscheidungen in meinem Leben", sagt er heute. 1994 wechselte er in die Geschäftsführung der Leichtathletik-Abteilung. Seitdem ist er eine der zentralen Figuren des Vereins.

Im kommenden Jahr wird er ein neues Kapitel in seinem Leben für den Leverkusener Sport aufschlagen. Im März wird Wellmann 65. Seinen Ruhestand hat er bereits geplant. Seine Aufgaben als Trainer wird Sebastian Weiß übernehmen. Wer die Rolle in der Geschäftsführung ausfüllt, ist indes unklar. "Wir sind noch in der Findungsphase", sagt er. "Dass ich meine hauptamtlichen Aufgaben abgeben werde, steht aber fest." Dem Verein bleibe er freilich weiterhin erhalten - nur eben nicht mehr in der ersten Reihe. "Ich werde einige Dinge nachholen, die ich aus beruflichen Gründen verpasst habe, vielleicht verreisen und das einfach Leben genießen."

Auf die Olympischen Spiele in Rio blickt er mit dem abgeklärten blick eines Routiniers. Bis auf die Spiele in Moskau 1980, die wegen des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan unter anderem von Deutschland und den USA boykottiert wurden, hat er alle Spiele seit 1972 in München aktiv miterlebt. Steigende Kommerzialisierung, Korruption, Doping - Wellmann hat dazu klare Ansichten. "Das waren zu meiner aktiven Zeit noch keine prägnanten Themen, aber das hat sich inzwischen leider geändert."

Die Dimension des Skandals rund um das offenbar systematische Doping in Russland erschrecke ihn. Dass das Internationale Olympische Komitee mit Thomas Bach an der Spitze keine Sperre gegen alle russischen Athleten verhängt habe, hält der 64-Jährige für einen Fehler. "Das war eine feige Entscheidung, aber es ist natürlich einfacher, das die einzelnen Verbände entscheiden zu lassen. Leider wurde die Chance vertan, ein klares Zeichen gegen Doping zu setzen." Auch die Themen Korruption und Kommerz beschäftigen ihn: "Irgendwann ist die Schraube einfach überdreht. Für den Sport ist das nicht die beste Entwicklung - zumal die Vereine und auch die meisten Athleten von dem vielen Geld, das rund um die Wettkämpfe verdient wird, so gut wie nichts haben."

Erloschen ist sein olympisches Feuer trotzdem nicht. Kurz vor seinem Abflug nach Rio, wo heute Nacht die Leichtathletik-Wettkämpfe starten, sprach er von steigender Vorfreude sowie dem Kribbeln, dass es jetzt für "seine" Leichtathleten endlich losgeht. Wenn also um 1.30 Uhr (MESZ) Konstanze Klosterhalfen in den Vorläufen über 1500 Meter an den Start geht, weiß Wellmann, wie sich die 19-Jährige fühlt. Er war bei seinen ersten Sommerspielen 1972 in München Anfang 20. "Es ist nicht der schlechteste Weg, sich so jung schon mit der Weltspitze zu messen", meint er. Das seien Erfahrungen, die jungen Athleten am Anfang ihrer Karriere helfen könnten. "Sie muss diese besondere Situation vorsichtig angehen." Sonst bestehe die Gefahr der Überforderung.

Klosterhalfen schätzt er als eines der größten Talente des TSV ein. Wenn er im kommenden Jahr in den Ruhestand geht, werden einige weitere Athleten kurz- oder mittelfristig folgen. Siebenkämpferin Jennifer Oeser, die heute ab 14.30 Uhr (MESZ) in den Wettkampf einsteigt, und Speerwerferin Linda Stahl sind nur zwei Beispiele prominenter Sportler des TSV, die ihre aktive Laufbahn in naher Zukunft ausklingen lassen. "Wir arbeiten natürlich immer daran, neue Talente für uns zu gewinnen, aber es ist schwer geworden", sagt Wellmann. Dafür gebe es viele Gründe: Ganztagsunterricht an den Schulen, konkurrierende Stützpunkte, die Talente um sich scharen, oder nachlassendes Interesse. "Wir haben aber trotzdem bereits ein paar Kandidaten im Auge", betont Wellmann. Aber wenn er sagen würde, dass die nächste Generation bereits in den Startlöchern stehe, sei das zu viel des Guten: "Der Weg in die Spitze braucht Zeit."

Die Leichtathletikabteilung des TSV steht also vor einem Umbruch - sowohl in der Geschäftsführung als auch bei den Sportlern. Wer nach Wellmann die Geschicke lenkt, wird sich zeigen. Dass aber auch in den kommenden 40 Jahren junge Athleten von Olympia träumen werden, von Triumphen, Medaillen, Ehrenrunden im Stadion sowie Flaggen und Hymnen, ist indes sicher - und der Antrieb für Talente auf dem Weg in den Spitzensport.

Quelle: RP
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