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Lokalsport
"Der Respekt springt immer mit"

Lokalsport: "Der Respekt springt immer mit"
Lilli Schnitzerling ist Stabhochspringerin beim TSV Bayer Leverkusen und Nachwuchshoffnung ihrer Sportart. FOTO: uwe miserius
Leverkusen. Lilli Schnitzerling, die jahrelang mit der verunglückten Kira Grünberg auf Wettkämpfen sprang, ist die einzige deutsche Stabhochspringerin, die einen Helm trägt. Der TSV nimmt mit einem Plakat Anteil am schweren Schicksal. Von Stefanie Sandmeier

Kira Grünberg galt in Österreich als kommender Leichtathletik-Star, nach einem Unfall im Training ist die Stabhochspringerin querschnittsgelähmt. Die 21-Jährige stürzte bei einem Versuch über eine geringe Höhe mit dem Kopf voraus in den Einstichkasten und brach sich vor den Augen ihres Vaters und Trainers den Halswirbel. Das Unglück hat auch in Leverkusen für Entsetzen gesorgt. "Mich hat die Nachricht schockiert und getroffen", erklärt Lilli Schnitzerling.

Die Leichtathletin des TSV Bayer und Grünberg kennen sich schon lange. Sie sind ein Jahrgang, beide gerade 21 Jahre alt. Seit traten auf vielen Wettkämpfen gegeneinander an. "Stabhochsprung ist Kiras große Leidenschaft. Dass sie dabei verunglückt, ist furchtbar. Das ist ein Einschnitt in ihr Leben. Niemand kann sich da hineinversetzen, aber ich fühle mit ihr", sagt Schnitzerling.

Die Anteilnahme ist nicht nur bei der gebürtigen Bückeburgerin groß, die gesamte Riege der TSV-Stabhochspringer ist betroffen. Als Geste des Mitgefühls haben die Bayer-Athleten ein Plakat für Grünberg mit Fotos und persönlichen Wünschen angefertigt. Der Unfall macht deutlich, wie gefährlich die Sportart ist. "100-prozentige Sicherheit gibt es leider nie. Das ist ein Sport, zu dem eine Risikokomponente gehört", sagt Schnitzerling, die als einzige deutsche Spitzenathletin mit Helm springt.

"Er gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Bei Wirbelsäulenverletzungen wie der von Kira hätte mir der Helm vermutlich nicht geholfen, aber der Kopf ist vor schweren Verletzungen geschützt." Der Kopfschutz ist nicht unumstritten. Kritiker meinen, ein Helm würde dem Springer womöglich ein trügerisches Sicherheitsgefühl vermitteln, zudem könne er sich damit bei der Landung auf den Schultern am Genick verletzen. Schnitzerling springt von klein auf mit Helm. Als Zwölfjährige begann sie bei der LG Lippe-Süd, "dort trugen alle Kinder Fahrradhelme", erinnert sich die 21-Jährige, die inzwischen auf einen Snowboardhelm umgestiegen ist. "Ich kenne es also nicht anders. Wenn ich ohne Helm am Anlauf stehe, was schon vorkam, weil ich ihn vergessen habe, hatte ich das Gefühl, dass mir was fehlt."

Zu Beginn der 2000er-Jahre schreckten mehrere tödliche Unfälle in den USA die Sportwelt auf. 2009 verunglückte ein 19 Jahre alter Student beim Training. 2002 wurde an amerikanischen Hochschulen nach drei Todesfällen in nur sieben Wochen die Helmpflicht eingeführt. Von den Profis sprang anschließend nur der mittlerweile 38-jährige Toby Stevenson, Olympia-Zweiter 2004, mit Helm - seiner Mutter zuliebe. In Deutschland setzt Schnitzerling als einzige auf den Kopfschutz. "Vielleicht führt dieser furchtbare Fall dazu, die Härte oder die Beschaffenheit des Einstichkastens zu überdenken", sagte Herbert Czingon, Teilzeittrainer von Grünberg und früherer deutscher Bundestrainer der Deutschen Presse-Agentur.

Der Umgang mit der Angst ist ein sensibles Thema bei Athleten und Trainern. Für viele Springer macht das Risiko auch einen Teil des Reizes ihrer Sportart aus. "Das ist keine einfache Diskussion. Auf der einen Seite wollen wir, dass die Sportart so sicher wie möglich ist. Aber jeder Athlet will zugleich möglichst hoch springen, dafür braucht es aber Widerstand und eine gewisse Härte des Einstichkastens", sagt Schnitzerling. Angst habe sie nicht, "aber Respekt springt immer mit."

Ihre Teilnahme bei den heimischen "Classics" lief für die Medizinstudentin vor rund 1000 Zuschauern auf der Fritz-Jacobi-Anlage nicht wie erhofft. Nach gemeisterter Einstiegshöhe von 4,00 Metern war bei 4,20 Meter Schluss. "Meine Stäbe waren zu weich", erklärte Schnitzerling, deren Bestleistung bei 4,30 Metern steht. In Abwesenheit von Silke Spiegelburg siegte Katharina Bauer mit 4,45 Metern.

Bei den Männern gewann der Kanadier Shawn Barber mit Meeting-Rekord (5,83 Meter) vor den Leverkusenern Carlo Paech (5,73) und Tobias Scherbarth (5,63), die mit einem guten Gefühl die Reise zu den Weltmeisterschaften in Peking (22. bis 30 August) antreten (die RP berichtete). So weit ist Schnitzerling noch nicht. Die Nachwuchshoffnung will langfristig den Anschluss an die deutsche Spitze schaffen. Mit Helm - so viel ist sicher.

Quelle: RP
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