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Fußball mit den "Ohren sehen"

Lokalsport: Fußball mit den "Ohren sehen"
Spielszene in der Blindenfußball-Bundesliga: Cengiz Koparan im Trikot von Schalke 04 (vorne) und sein Bruder Hasan (dahinter) tragen wie ihre Gegenspieler eine Augenbinde. Einige von ihnen auch einen Kopfschutz. FOTO: privat
Leverkusen. Cengiz Koparan ist Fußballer, aber er kann den Ball nicht sehen. Der 34-jährige Leverkusener spielt für Schalke 04 in der Blindenfußball-Bundesliga. Zusammen mit seinem Bruder Hasan hat er bisher alle Treffer seines Teams erzielt. Von Moritz Löhr

Obwohl Cengiz Koparan nicht sehen und seit rund zehn Jahren nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden kann, ist das Fußballspielen seine große Leidenschaft. Der Stürmer geht für den FC Schalke 04 in der Blindenfußball-Bundesliga auf Torejagd - und das ziemlich erfolgreich. Mit insgesamt drei Treffern steuerte der Leverkusener genau die Hälfte aller Tore seiner Mannschaft bei. Die größte Schwäche des Teams stellt Koparan allerdings selbst fest: "Wir haben ein Abschlussproblem."

Mit seinem Team liegt er in der Liga aktuell auf dem fünften Platz. Vor dem letzten Spieltag der Saison haben die Gelsenkirchener keine Chance mehr, den Titel zu holen. "Das passt schon. Unser Ziel war es ohnehin, genauso viele Punkte zu sammeln wie im letzten Jahr. Das haben wir bereits erreicht", sagt der Fußballer zufrieden.

Mit einem Sieg gegen die SG Eintr. Braunschweig/Vikt. 89 Berlin am Samstag in Freiburg könnten die Schalker eine deutlich bessere Bilanz als im Vorjahr einfahren und haben zugleich die Chance, unter die besten drei der neun Teams umfassenden Liga einzuziehen.

Blindenfußball wird auf einem 40 mal 20 Meter großen Feld mit Banden gespielt. Das Tor ist mit zweimal drei Metern etwa so groß wie das beim Handball. Jede Mannschaft besitzt vier Feldspieler und einen Keeper, der sehend ist. Der Torwart ist für das Dirigieren seiner Abwehr zuständig. Das Mittelfeld wird durch einen sogenannten Guide von außen koordiniert. Hinter dem gegnerischen Tor befindet sich ein weiterer Guide, der den Stürmern Hinweise zuruft. Der Ball ist zur besseren Orientierung für die Spieler mit einer Klingel ausgestattet. Er rasselt, wenn man ihn bewegt. Das ist nötig, um zu erahnen, wo sich der Ball befindet. "Wenn wir einen Spieler attackieren, müssen wir uns verbal bemerkbar machen", erklärt Koparan, so sollen Zusammenstöße vermieden werden.

Als Stürmer hält er sich logischerweise in der Offensive auf, muss allerdings auch reichlich nach hinten arbeiten. Bis er das nötige Geschick am Ball erlernt hatte, dauerte es seine Zeit. "Man muss anfangs viel trainieren, um etwas zu erreichen", meint der Fußballer.

Seit etwa zehn Jahren kann er nur noch hell und dunkel unterscheiden. "Ich konnte noch nie wirklich gut sehen", erklärt er. Eine Krankheit namens Retinopathia Pigmentosa ist dafür verantwortlich, dass seine Netzhaut immer mehr Löcher bekommt. "Wahrscheinlich sieht meine Netzhaut aus wie ein Schweizer Käse", scherzt Koparan, dessen Bruder Hasan die gleiche Krankheit ereilte.

Er spielt ebenfalls für Schalke 04 und erzielte - wie sein Bruder - drei Treffer in der laufenden Saison. Das Koparan-Duo ist damit allein für die Tore der Schalker Mannschaft verantwortlich. "Wir haben uns bereits einen Namen gemacht", sagt Cengiz Koparan lachend. Einmal die Woche macht sich der 34-Jährige von Leverkusen auf den Weg zum Training. Die Mannschaft trainiert eigentlich zweimal in der Woche, für beide Einheiten sei der Aufwand aber einfach zu groß. "Jeden Donnerstag fahre ich mit der Bahn zum Training", berichtet Koparan, "das dauert schon seine Zeit. Ich komme in der Regel um halb elf abends wieder zu Hause an." Tags zuvor arbeitet er in der Leverkusener Finanzverwaltung.

Der Blindenfußball bringt Menschen, die ein ähnliches Schicksal ereilt hat, zusammen. Genau deshalb spielt er aber nicht Fußball: "Wenn ich bei der Mannschaft bin, geht es nicht vorrangig darum, Erfahrungen auszutauschen, sondern um erfolgreich zu sein."

Natürlich müsse aber die Mischung stimmen. So spielte Koparan eine Zeit lang auch in einer Kölner Mannschaft, wo es aber einfach nicht passen wollte. Für die Schalker ein Glücksgriff: Denn seitdem geht der Goalgetter für die Königsblauen auf Torejagd.

Quelle: RP
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