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Lokalsport
Markus Esser: PC-Maus statt Hammer

Leverkusen. Auch nach seiner aktiven Karriere bleibt Hammerwerfer Markus Esser dem Sport erhalten. Inzwischen bestreitet der 35-Jährige seinen Berufsalltag aber meist im Sitzen - als stellvertretender Leiter der Sportfördergruppe Köln. Von Roman Zilles

Es gibt Momente, in denen kehrt Markus Esser in den Wurfring zurück. Zumindest im Kopf. "Ab und zu schwelge ich in Erinnerungen", gibt der 35-Jährige zu. Vor allem, wenn er in seinem Büro die Wand betrachtet, die er mit Trikots und Bildern geschmückt hat. Und es gibt viele Ereignisse, zu denen seine Gedanken wandern können: zu acht gewonnenen Deutschen Meisterschaften, zu Olympischen Spielen, Europa- und Weltmeisterschaften. Aber Esser hängt seiner Zeit als Profisportler nicht nach. "Meine Entscheidung zurückzutreten, war absolut richtig."

Inzwischen bestreitet er seinen Berufsalltag meist im Sitzen. Als stellvertretender Leiter der Sportfördergruppe Köln ist er zuständig für 75 Sportsoldaten - so wie er einer war in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten. "Ich bin sozusagen der erste Ansprechpartner zwischen den Sportlern und der Bundeswehr", beschreibt er seine Aufgabe. Er hilft, den Spagat zwischen militärischen Abläufen und Spitzensport hinzubekommen. "Ich sehe mich als Begleiter, der dafür sorgt, dass beide Belange zusammenpassen." Aber auch als Achtgeber, der dafür sorgt, dass die Sportler die regelmäßig geforderten Ausbildungen bei der Bundeswehr absolvieren.

Statt zum Hammer greift er nun zur Maus, statt durch den Ring zu drehen, "bewege ich jetzt viel Papier auf meinem Schreibtisch". Schon seit dem Frühjahr hat er sich "per Crashkurs" eingearbeitet, seit Juli besetzt Hauptfeldwebel Esser offiziell den Posten. "Anfangs war es gewöhnungsbedürftig. Aber es ist ein toller Job, der mir den Abschied leicht gemacht hat."

Entsprechend unverkrampft wirkte er, als er im Sommer bei den Deutschen Meisterschaften seinen Entschluss publik machte. Silber sprang zum Abschluss heraus. Zudem wurde ihm die Bronze-Medaille der EM 2006 überreicht. Die wurde ihm zuerkannt, weil ein vor ihm platzierter Athlet aus Weißrussland nachträglich wegen Dopings disqualifiziert wurde. Als der Betrug vor zweieinhalb Jahren ans Licht kam, fühlte Esser sich um etwas Großes betrogen. Inzwischen hat er damit seinen Frieden gemacht. "Es ist traurig, aber auch nicht mehr zu ändern. Mein letzter Hammer ist eingeschlagen, und es ist ein Teil meiner Laufbahn - und so habe ich noch eine weitere Geschichte zu erzählen", sagt Esser. Auf die Bronze-Medaille der WM 2005, die ihm ebenfalls zugesprochen wurde, wartet er immer noch. "Ich würde mich freuen, wenn sie noch kommt." Aber es gibt Wichtigeres in Essers Leben.

Völlig hat er seinem Sport und seinem Verein nicht den Rücken gekehrt. Beim TSV Bayer 04 bringt er sich beim Hammerwurf-Nachwuchs ein. Er wolle seine Erfahrung weitergeben und Jugendliche motivieren. Ob unter seinen 13- bis 15-jährigen Schützlingen sein Nachfolger ist? "Für Prognosen sind sie zu jung. Aber in meinem ersten Jahr habe ich mein Ziel erreicht: Zwei von acht haben es zu den Deutschen Jugendmeisterschaften geschafft", sagt Esser. Für ihn ist sein Engagement als Trainer auch eine Möglichkeit, dem TSV etwas zurückzugeben. "Ich bin meinen Trainern und dem Verein sehr dankbar für das, was ich erleben durfte."

Die Verbundenheit zum Klub zeigte sich im Sommer auch darin, dass die Essers recht spontan Sylvia Schulz bei sich aufnahmen. Als das 16-jährige Lauf-Talent im August ohne große Vorausplanung von Namibia ins Sportinternat des TSV übersiedelte, boten sich der 35-Jährige und seine Familie als Gastfamilie an. Für mindestens ein Jahr. "Wie es dann weitergeht, hängt von ihrer sportlichen Entwicklung ab und von dem, was sie selbst möchte."

Wie lange es auch dauern mag: Esser kann Schulz einige gute Ratschläge mit auf den Weg geben. Denn bei den wichtigen Entscheidungen seiner sportlichen Laufbahn habe er stets richtig gelegen: "So wie meine Karriere lief, damit bin ich absolut zufrieden." Auch mit seinem Rücktritt. Er genieße es, dass sich nicht mehr so vieles im Leben auf den Hammerwurf fokussiere, sondern dass er tun könne, was er möchte. Esser scheint auch diesmal den Hammer im richtigen Moment losgelassen zu haben.

Quelle: RP
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