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Postscriptum
Stadtspitze steuert auf "Wohlfühl"-Kurs

Postscriptum: Stadtspitze steuert auf "Wohlfühl"-Kurs
FOTO: Miserius Uwe
Leverkusen. Der Oberbürgermeister stellt sich bei der Frage von Einsparmöglichkeiten demonstrativ vor sein Personal. Aber muss er das Heft aus der Hand geben? Ein Erklärungsversuch. Von Peter Clement

Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, dass das renommierte Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup mit einer Studie zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz für Aufsehen sorgte: Fast 70 Prozent der Arbeitnehmer schiebe nur Dienst nach Vorschrift, hieß es da. Hochgerechnet fünf Millionen Beschäftigte, so Gallup, hätten gar innerlich gekündigt.

Offenbar hatten Oberbürgermeister Uwe Richrath (SPD) und sein Stadtdirektor Markus Märtens diese Studie noch im Hinterkopf - anders ist es kaum zu erklären, warum die beiden in ihren Reden zum Stadtetat am Montag im Ratssaal einen derart demonstrativen Kuschelkurs zu ihrer Rathaus-Belegschaft fuhren. Als es um die Untersuchung einer externen Beratungsfirma ging, die das Personal auf Effizienz und Einsparmöglichkeiten unter die Lupe nehmen soll, betonten beide immer wieder, die städtischen Bediensteten seien bis zur Halskrause belastet.

Es ist schön, wenn ein Arbeitgeber sich um das Wohlergehen seiner Mitarbeiter kümmert - eine Stadtverwaltung, die per Gesetzesauftrag Dienstleister für die Bürger sein soll, darf sich jedoch nicht nur auf diesen einen Punkt konzentrieren. Denn wenn die Stadtspitze davon redet, dass auch Service-Leistungen auf den Prüfstand kommen müssten, heißt das nichts anderes als: Im Zweifel wird die Leistung für den Bürger gestrichen oder zumindest ausgegliedert, Hauptsache bei der Belegschaft bleibt alles, wie es ist.

Die Krönung der städtischen Wohlfühl-Offensive bestand in der Ankündigung des Oberbürgermeisters, er werde die Untersuchung sofort stoppen, sobald der Personalrat zu große Bedenken habe. Was bitteschön, soll das denn? Es ist die Aufgabe eines Verwaltungschefs, für Produktivität und Effizienz innerhalb seines "Unternehmens" zu sorgen, das immerhin die Bürger mit ihren Steuergeldern bezahlen.

Wenn er das im kollegialen Miteinander hinbekommt, umso besser. Das Heft aber völlig aus der Hand zu geben und sich vom Urteil des Personalrats abhängig zu machen, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Offenbarungseid.

Dabei gäbe es in dieser Verwaltung einiges anzupacken, wie Markus Märtens selbst bestätigte: Er sprach von Abteilungen, in denen Archivarbeit bedeute, dass die Mitarbeiter mit dem Aufzug in den Keller fahren und Akten nach oben holen. Die Digitalisierung ist im Leverkusener Rathaus offenbar noch längst nicht überall angekommen.

Gerade dabei bedarf es jedoch einen hohen Wissenstandes der Mitarbeiter und einer hohen menschlichen Mitnahmekompetenz auf Verwaltungsebenen und im persönlichen Dialog mit den Bürgern. Also bitte: Miteinander reden unbedingt, Sorgen und Ängste nicht abtun - aber bitte kein Kuschelkurs um jeden Preis auf Kosten der Bürger.

Zudem bedarf es einer klaren und kompetenten Steuerung "von oben", wie übrigens auch das Gallup-Institut empfiehlt: Aus motivierten Leuten würden Verweigerer, wenn ihre zentralen Bedürfnisse bei der Arbeit ignoriert werden. Zu diesen Bedürfnissen gehörten beispielsweise Erwartungsklarheit und das Setzen von Prioritäten, eine passende Zuordnung von Aufgaben, sowie regelmäßiges konstruktives Feedback, aber auch Lob und Anerkennung für gute Leistung.

Von einer Aufgabe der eigenen Leitungskompetenz ist nirgendwo die Rede.

Quelle: RP
 
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