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Leverkusen
Streicheln, küssen, anbeten - aber nicht betreten

Leverkusen: Streicheln, küssen, anbeten - aber nicht betreten
Einmal wie der Trainer jubeln: unsere elf Teilnehmer der Exklusiv-Stadion-Führung FOTO: Matzerath Ralph
Leverkusen. Bei der RP-Sommertour gewähren wir Einblicke in Orte, die nicht offen zugänglich sind. Jetzt ging's für elf Fußballfreunde ins Schmuckkästchen der Werkself, die BayArena. Ausnahmsweise erlaubte Bayer 04 auch den exklusiven Blick in die Spielerkabine. Fotografieren war dort aber nicht gestattet.

Fußballer? Nö, das will Marie Sieger (5) auf keinen Fall später werden. Gucken, "wo die Spieler raus auf den Rasen kommen", das will sie aber ganz gewiss. Das sagt sie dem Stadionführer in der BayArena auch, als es kurz nach Start der Besichtigung vom Umlauf in den Oberrang geht und Marie entfährt: "Das sieht cool aus." Ihr Bruder Philipp (8), der ganz gewiss Fußballer werden will, hat zu dem Zeitpunkt schon mindestens acht Mal auf den Auslöser-Knopf von Mamas Handykamera gedrückt.

Und damit steht Philipp nicht alleine da. Denn was es bei der exklusiven Sommertour-Führung für elf RP-Leser (und Bald-Leser) durch die BayArena zu sehen gibt, ist wirklich besonders. Bayer 04, personalisiert durch Tourguide Kevin Bormacher, öffnet ausnahmsweise Türen ins Allerheiligste. Das ist bei der Werkself in mehrere Bereiche aufgeteilt. So dürfen Philipp, Marie, Julius Wetzel (8), Max Weißenfels (9) und Felix Ullrich (10) samt ihrer erwachsenen Begleiter die "Werkstatt" betreten. "Warum heißt die denn so", fragt Max' Opa, Wolfgang Otternberg (71). Kevin verrät: "Weil hier gearbeitet wird: Es wird trainiert. Und: Lassen Sie mal die letzten vier Buchstaben weg." Otternberg nickt: "Ja, das hat was mit der Werks-Elf zu tun." Kevin nickt auch.

Max Weißenfels (9) macht - auf Kunstrasen knieend - den Streicheltest beim Wichtigsten in der BayArena, dem Spielrasen. FOTO: Matzerath Ralph

Otternberg hatte schon auf dem Umlauf die benachbarte A1 fotografiert. "Ich bin Stelzengegner und in der Bürgerinitiative. So nah komme ich aus der Perspektive nicht wieder dran." So nah dran kommt wohl auch Bernhard Menzerath der Höhen- und der Kältekammer seines Vereins später nicht mehr, obwohl der 65-Jährige als "Volunteer" bei Spielen Besuchern Orientierungshilfe gibt. "Seit 1962 bin ich Fan." Ehefrau Sigrid (59) hat sich fantechnisch ihrem Mann angeschlossen.

Dass Kevin viele Superlative zu berichten weiß, überrascht sie ebenso wie Julius's Opa Ingo Wetzel (73), der eher dem Wuppertaler Fußball treu ist. "Die Werkstatt ist zum dritten Mal hintereinander von der Uefa als beste medizinische Abteilung in Europa ausgezeichnet worden", betont Kevin und schließt noch an, dass die Kältekammer mit -110 Grad von den Spielern nur mit einer engen kurzen Hose betreten wird, damit möglichst viel gute Kälte an Muskeln und Gelenke kommt, und dass an den Geräten in der Werkstatt mit USB-Stick trainiert wird, der alles aufzeichnet, "damit keiner pfuscht". Janina Bogdanski (40), Mutter von Philipp und Marie, lächelt: "Das finde ich klasse, dass hier ein Bußgeldkatalog hängt." Handy-Benutzung scheint der häufigste Fauxpas der Spieler zu sein, denn dafür gibt's gleich zwei "Strafzettel" in dem Areal.

Der DFB-Pokal 1993. Damals schoss Ulf Kirsten das entscheidende Tor. Philipp (rechts) war noch nicht geboren FOTO: Matzerath Ralph

Kevin öffnet mehr Räume: Vip-Bereich, Flure mit alten Original-Trikots, das Foyer, in dem die Pokale (Uefa 1988, DFB 1993) mit 22 staunenden Augen bewundert werden - ausgerechnet jetzt bockt das Handy von Julius' Opa: Speicher voll.

Die Elf müssen das Stadion an dem Nachmittag mit niemandem teilen: Kevin Bormacher erläutert die Dachkonstruktion. FOTO: Ralph Matzerath

Nicht so schlimm. Im nächsten Allerheiligsten - Spielerumkleide, Schwimmbad, Aufwärmareal - darf ohnehin niemand fotografieren, aber staunen: Darüber, dass jeder Spieler einen eigenen Haartrockern hat, über die Worte "Hilfsbereitschaft, Respekt, Vertrauen, Wille, Ziele und Träume" über den Ledersitzplätzen, den höhenverstellbaren Boden des Schwimmbeckens. Gerade sagt Kevin, dass die Mannschaft zusammen frühstückt, "wegen des Zusammenhalts und damit kontrolliert gegessen wird".

Aber so interessant er auch erzählt, dass Bayer 04 sich Vizekusen hat patentieren lassen, dass im Vip-Bereich die Speisen bei Heimspielen oft an die Herkunft der Gegner angelehnt sind, dass der Werksklub für ein Champions-League-Spiel die Werbung auf sämtlichen Monitoren im Stadion abkleben muss, weil die Uefa es so wünscht. Nichts scheint den Elf interessanter zu sein, als das, was nun kommt: der Rasen. "Den darf man streicheln, küssen, anbeten, aber nicht betreten", mahnt Kevin, während die Gäste auf der Trainerbank sitzend erfahren, dass eine DFB-Bank 15, aber eine Uefa-Bank nur 14 Sitze haben darf, weshalb vor jedem Champions-League-Spiel Sitz Nr. 15 abgebaut werden muss. Staunen. Dann gibt's kein Halten mehr. Gerade die jüngsten Fans treten an den Spielrasen. Philipp ruft: "Mama, kannst Du ein Foto machen, wie ich den Rasen streichele?" Ludmilla Hauser

Quelle: RP
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