| 13.29 Uhr

Unfallschwerpunkt A1
Aufwachen, Autofahrer!

Tödlicher Unfall auf der A1
Tödlicher Unfall auf der A1 FOTO: Uwe Miserius
Meinung | Leverkusen. Im vergangenen Jahr sind auf Autobahnen in NRW 61 Menschen ums Leben gekommen, mindestens vier davon auf der A1 bei Leverkusen, wo es immer wieder zu Unfällen am Stauende kommt. Am Dienstag starb dort ein 32-Jähriger. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Verkehrsteilnehmer sind auf sich selbst gestellt.  Von Sebastian Fuhrmann

Mal ehrlich. Die meisten von uns sind doch ziemlich gut darin, unangenehme Dinge unter den Teppich zu kehren. Zum Beispiel die möglichen Folgen des Rauchens: In Deutschland erkranken jährlich etwa 70.000 Menschen an Krebs. Aber aufhören? Nö, mir passiert schon nichts. Verdrängung ist eine wirksame Strategie und kommt häufig zum Einsatz, wenn Gefahr für Leib und Leben droht. Das ist auch gut so, sonst würden sich einige von uns vielleicht gar nicht mehr vor die Tür trauen. 

Wer morgens auf großen Autobahnen in NRW unterwegs ist, dem muss der schlimme Verdacht kommen, dass wir es im Verkehr halten wie mit den Zigaretten. Anders sind die wilden Fahrten vieler Verkehrsteilnehmer nicht zu erklären. Oder jene Autofahrer, die sich und andere gefährden, indem sie während der Fahrt Kurznachrichten auf ihren Smartphones checken. Dass am Dienstag schon wieder ein Mensch auf der A1 ums Leben gekommen ist? Sie erraten es: "Mir passiert schon nichts". Verdrängung eben.

Ein Toter bei Unfall auf der A1 FOTO: Uwe Miserius

Angesichts der sich nicht bessernden Situation vor der Leverkusener Brücke können wir Autofahrer uns das nicht mehr leisten. Wirksame Lösungen für den Unfallschwerpunkt sind derzeit nicht in Sicht, Verkehrsteilnehmer sind auf sich gestellt. Vielleicht brauchen wir mehr Bewusstsein für die grausame Realität auf den Autobahnen, damit die Zahl der Unfälle zurückgeht. Wer Angst vor schlimmen Folgen hat, ändert zumindest in der Theorie sein Fahrverhalten. 

18 Verletzte pro Tag

Dienstag tagt die Unfallkommission zur A1

Der Blick in die Statistik ist unangenehm. Demnach ist es gar nicht mal so unwahrscheinlich, einmal in einen Unfall auf der Autobahn verwickelt zu werden: Im vergangenen Jahr kamen nach einer Erhebung des statistischen Landesamts 61 Menschen auf Autobahnen in Nordrhein-Westfalen ums Leben. 1312 wurden schwer verletzt, 5016 leicht. Heruntergerechnet sind das 18 bei Unfällen verletzte Menschen am Tag. Unachtsamkeit und überhöhte Geschwindigkeit sind bei den meisten Unglücken im Spiel.

Ein großer Unfallschwerpunkt liegt direkt vor unserer Tür: die A1 zwischen Burscheid und der Leverkusener Brücke. Allein in diesem Jahr sind mehr als vier Menschen auf dem Streckenabschnitt gestorben. Etliche wurden schwer verletzt. Am Dienstag war es ein Transporter aus Polen, der auf ein Stauende auffuhr. So passieren die meisten Unfälle auf der Strecke: Abgelenkte Autofahrer fahren auf das ständige Stauende vor der Leverkusener Brücke auf. Die Bilder von den Unfallstellen sind erschreckend.

Warnhinweise sind wirkungslos

Behörden haben in der Vergangenheit einiges unternommen, um Autofahrer auf die prekäre Situation an der A1 hinzuweisen, die durch zu schnelles Fahren noch verschärft wird. Zuletzt wurde eine elektrische Warntafel mit grellem Blitzlicht installiert. Nach dem tödlichen Unfall am Dienstag liegt der Schluss nahe, dass auch diese Maßnahme ins Leere läuft. Und nun soll vor der A1-Brücke auch noch eine Sperranlage für Lkw installiert werden, die Verkehrsexperten "Stauverursachungsmaschine" nennen. Damit steht fest: Der Unfallschwerpunkt Stauende wird in naher Zukunft nicht verschwinden. 

Für seinen streitbaren Vorschlag unter einer Unfall-Meldung bei Facebook erntete ein User unter der Woche viel Zuspruch: Er forderte Schockbilder an der Autobahn. Das kann man pietätslos finden, beim Rauchen scheint das allerdings gut zu klappen. Seitdem Zigarettenpackungen mit Schockbildern versehen sind, klagt die Tabakindustrie über Umsatzeinbußen. 

Kritiker sagen: Wo kein Stauproblem ist, sind auch weniger Unfälle. Dass sich die Staus vor der Leverkusener Brücke auflösen, ist derzeit aber nur ein Wunschtraum. Bis die neue Brücke steht, dauert es noch Jahre. Bis dahin bleibt wohl alles, wie es ist.

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