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Leverkusen
Vom Irrsinn fehlgeleiteter Revolutionen

Leverkusen. Das Junge Theater Leverkusen begeisterte mit seiner Variante des Stücks "Marat/de Sade" im Erholungshaus. Von Monika Klein

Ist der Mensch an der Revolution gescheitert oder die Revolution am Menschen? Diese Frage zieht sich nicht nur durch das 1964 uraufgeführte Theaterstück von Peter Weiß, sie zieht sich auch durch die Geschichte. Deswegen könnten den drei Zeitebenen, zwischen denen "Marat/de Sade" ständig hin und her springt, auch noch weitere hinzugefügt werden. Das Junge Theater Leverkusen, das den in den 60er und 70er Jahren oft aufgeführten Zweiakter neu entwickelt hat, lieferte mit der Premiere im Erholungshaus einen starken Beitrag zu den laufenden Schul- und Jugendtheatertagen.

Das Ensemble besteht durchweg aus jungen Darstellern, von denen etliche einen Bühnenberuf anstreben. Etliche Ehemalige haben Dank dieser Basisschulung die Aufnahmeprüfung an Hochschulen geschafft. Das zwölfköpfige Ensemble, das hier unglaubliche Präsenz in fast zwei Aufführungsstunden ohne Pause zeigte, ist noch nicht lange in dieser Zusammensetzung zusammen. Umso beachtlicher das fast professionelle Ergebnis hervorragender Regiearbeit von Sebastian Martin. Die künstlerische Leiterin Petra Clemens nahm inmitten der Schauspieler den wohlverdienten und lang anhaltenden Schlussapplaus entgegen.

Nach einem sinnlichen Beginn, mit dem man auch einen Tanztheater-Abend hätte eröffnen können, formierte sich auf der Bühne der Mob. Eng zusammengerückt skandierten die Mitwirkenden Parolen der Revolution. Perfekt synchron gesprochen, mit kraftvoll erhobenen Fäusten und geradezu Angst einflößenden Gesichtsausdrücken. Diese losgelassene Meute ist zu allem fähig, wie ein Blick in die französische Geschichte bestätigt. Geradezu besessen wollen sie Köpfe rollen sehen in der festen Überzeugung, dass sich nach einer Revolution alles zum Besseren wendet.

Wie irre treiben sie sich gegenseitig voran. Tatsächlich sind es weggesperrte Geisteskranke und politische Querdenker, die hinter den Mauern des Hospizes als Mitglieder einer Laientheatergruppe die Ermordung des flammenden Revolutionärs und Sozialisten Jean Paul Marat nachspielen wollen. Regie führt der skeptische Zyniker Marquis de Sade, eine ebenfalls historische Figur, Anfang des 19. Jahrhunderts eingesperrt, weil er als Gefahr für die öffentliche Moral darstellte. Er glaubt nicht an Verbesserung durch Revolution, nicht an eine "gute" Macht der so genannten vierten Klasse, sondern nur an Individualismus.

Mit diesen Extremen wird der Zuschauer konfrontiert, mal in mitreißenden Monologen, mal in vereinnahmenden Sprechchören und in kurzen Spielszenen. Und immer wenn es sich eingewöhnt hat, wird das Publikum durch absurde und groteske Elemente aus der bequemen Zuschauerhaltung aufgeschreckt.

Es war ein starker, eindrucksvoller Theaterabend, von dem man einige der klar und eindringlich deklamierten Kernsätze mit nach Hause nahm.

Quelle: RP
 
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