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Leverkusen
Von Leverkusen zur Arbeit nach Curaçao

Leverkusen: Von Leverkusen zur Arbeit nach Curaçao
Bunt geht es auf der Karibikinsel Curaçao zu. Kantor Avery Tracht lebte zuvor auch in Leverkusen und fand hier den Weg zu seinem jetzigen Beruf als Kantor. Tracht gab unter anderem in Schlebusch Konzerte. FOTO: Kuhs
Leverkusen. Für die Mikvé-Israel-Emanuel-Synagoge auf der Karibikinsel Curaçao ist aus finanziellen Gründen kein eigener Rabbi zuständig - der Kantor übernimmt dessen Aufgaben. Und dessen geistlicher Weg begann in Leverkusen. Von Corinna Kuhs

Wer die Mikvé-Israel-Emanuel-Synagoge in Willemstad betritt, der ist versucht, sich die Schuhe abzustreifen und mit den Zehen durch den pudrig-weißen Sand zu fahren, der den kompletten Boden bedeckt. Natürlich schickt es sich nicht, barfuß durchs Gotteshaus zu spazieren; der Bodenbelag ist Symbol für den Auszug der Juden durch die Wüste aus Ägypten. Auf Curaçao verbinden aber vor allem Touristen den Sand mit Strand - und das sorgt gelegentlich dafür, dass Besucher, meist Tagesgäste großer Kreuzfahrtschiffe, an der Pforte der Synagoge abgewiesen werden, zumindest dann, wenn Gottesdienst ist. "Sie glauben gar nicht, wie oft Leute in Flipflops und Shorts kommen", sagt Kantor Avery Tracht und seufzt. Nicht resigniert, sondern eher belustigt. Dabei seien Besucher gerne gesehen, versichert der 62-jährige Amerikaner. Wenn sie sich denn zu kleiden wüssten: "Eine lange Hose und geschlossene Schuhe sollten es schon sein."

Tracht ist seit elf Jahren Kantor der jüdischen Gemeinde auf Curaçao - und übernimmt dort gleichzeitig Aufgaben eines Rabbiners, weil sich die kleine Gemeinde mit gerade einmal 120 Mitgliedern keinen eigenen leisten kann. "Es ist leichter, einen Kantor zu haben, der Aufgaben eines Rabbis übernimmt, als einen Rabbi zu finden, der singen kann", erklärt Tracht schmunzelnd, warum er eingestellt wurde.

Kantor Avery Tracht übernimmt auch die Aufgaben eines Rabbiners. FOTO: Kuhs

Er war vor seinem geistlichen Berufsweg Opernsänger - und fand erst durch Auftritte in Leverkusen zu seiner wirklichen Berufung. In Leverkusen lebte er in den 1980er Jahren zu Beginn seiner Opernkarriere bei einer Pfarrerfamilie und besuchte von dort aus Vorsingen an Opernhäusern in Deutschland. Irgendwann fragte ihn der Pfarrer, ob er nicht in der evangelischen Kirche in Schlebusch ein Konzert mit jüdischen Liedern geben wolle. Tracht wollte, erfuhr, dass er "eine sehr deutsche Stimme" habe, wobei er bis heute selbst nicht genau weiß, was das bedeuten soll, wie er grinsend berichtet.

Trachts "deutsche" Stimme kam in Leverkusen an: Der Tenor begeisterte in der "Kirche auf dem Hügel" und berührte die Menschen mit seinem Auftritt, wie er sich heute erinnert, während er in seinem Büro auf Curaçao sitzt. Seine Musik mit Geistlichem zu verbinden, gefiel Tracht; der erste Auftritt dieser Art in Leverkusen setzte einen neuen Gedanken in ihm fest. Er, der eigentlich als Tenor sein Geld verdiente, entschied sich, einen geistlichen Weg zu verfolgen. Ab 1991 agierte er in Amsterdam als Kantor, wechselte später auf die Karibikinsel.

In dem gelb gestrichenen Gebäude mit dem Sandboden, älteste ständig genutzte Synagoge der westlichen Hemisphäre, steht er freitags ab 18.30 Uhr und samstags ab 10 Uhr vor seiner Gemeinde. Wenn sich nicht neugierige Touristen in die Zeremonien verirren, sind es manchmal allerdings nicht einmal zehn Gläubige, die sich versammeln. "Gegen Ende der Zeremonie sind es aber grundsätzlich mehr", sagt Tracht und lacht verschmitzt. "Auf Curaçao kommt nämlich keiner pünktlich." Das Karibik-Gefühl spiegelt sich eben nicht nur im Sandboden wider; denn Zeit spielt nicht die allergrößte Rolle auf Curaçao. Nutzt man beispielsweise den öffentlichen, auf Kühlschranktemperaturen herunterklimatisierten Bus, der die Hauptstadt Willemstad mit dem einsamen Westen der Insel verbindet, muss man damit rechnen, in praller Karibiksonne lange an einer "Bushalte" zu warten. Zwar fährt der Bus, in dem es auch W-Lan gibt, eigentlich zur ungeraden Stunde - aber im Laufe eines Tages mit immer mehr Verspätung, weil die Fahrer Schwätzchen mit Kollegen halten oder sich vor der Abfahrt an einer Snack-Bar noch schnell über den neuesten Dorfklatsch informieren.

Für Avery Tracht ist Curaçao zur Heimat geworden, Leverkusen werde er aber nie vergessen, sagt er. Dort trat er nach seinem Debüt noch mehrfach auf, unter anderem als Solist mit dem Städtischen Chor, mit dem er zum Europäischen Jiddisch-Festivals im Jahr 1993 einen Workshop "Jiddische Musik zum Mitsingen" gab, wie auch in der Festschrift des Chors zum 90-jährigen Bestehen 2011 dokumentiert ist.

Quelle: RP
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