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Leverkusen
"Wendepunkte" für Kinder von drogensüchtigen Eltern

Leverkusen. Ein Vater liegt besinnungslos auf der Couch. Um ihn herum stehen leere Bierflaschen. Im Aschenbecher liegen ein paar angerauchte Joints. Seine Kinder räumen gemeinsam spätabends das Chaos in der völlig verwahrlosten Wohnung auf. Dem jugendlichen Sohn kullert eine Träne über die Wange. Schnitt. Eine Mutter rastet aus und greift ihre Tochter an. Schnitt. Am nächsten Tag kaschiert das Mädchen seine Wunden mit Make-up, um nicht in der Schule aufzufallen. Schnitt. Von Dorian Audersch

Es sind bewegende Bilder, die über die Leinwand in einem Konferenzraum der Suchthilfe flimmern - gestellte Szenen für ein Video. "Das sind realistische Lebenssituationen von Kindern, deren Eltern drogensüchtig sind", sagt Sandra Groß. Die Sozialpädagogin arbeit für das bundesweite Projekt "Fit Kids" in Wesel, das die Belange eben jener Kinder in den Vordergrund stellt und Hilfen anbietet. Als Fachfrau referierte sie bei der Suchthilfe, die gemeinsam mit dem Diakonischen Werk und der Stadt (Fachbereich Kinder und Jugend) ein ähnliches Netzwerk aufgebaut hat - unter dem Namen "Wendepunkte".

Das Weseler Projekt unterstützt und begleitet die Leverkusener Initiative. Sie ist gedacht als Bindeglied zwischen Jugendhilfe und Suchthilfe. "Der Betreuungs- und Unterstützungsbedarf für Kinder suchtkranker Eltern ist hoch", sagt Peter Helgers von der Suchthilfe. "Die Probleme sind vielfältig." Im Grunde gebe es drei Wege, um "Wendepunkte" zu erreichen: durch das Jugendamt, die Suchthilfe und durch die freiwillige Initiative der betroffenen Eltern.

Ansprechpartner beim Diakonischen Werk sind Martin Ohlendorf und Daniela Thum. Letztere weiß, dass die Kooperation ein Gewinn für die "Klienten" ist, wie sie es umschreibt. Derzeit seien es 29 Eltern, die sich in einem Substitutionsprogramm befinden. Das bedeutet, dass sie heroinabhängig sind und nun mit Methadon als Austauschpräparat versuchen, ihre Sucht zu überwinden. "Die Dunkelziffer ist wesentlich höher", sagt Thum. Umso wichtiger seien niederschwellige Angebote für Betroffene.

Die Probleme in Familien mit süchtigen Eltern sind vielseitig. Die Kinder sind einer enormen Belastung ausgesetzt. Sie erleiden mitunter psychische Störungen, die sie bis ins Erwachsenenleben begleiten. Sie werden vernachlässigt. Ihnen droht die Unterversorgung mit Nahrung, Kleidung oder Hygiene. Sie sind auf sich alleine gestellt und stehen unter dem Druck, die familiäre Situation geheim zu halten. "Ihr Umfeld ist in den meisten Fällen instabil", fasst es Thum zusammen.

Trotzdem heiße das nicht, dass süchtige Eltern in jedem Fall auch schlechte Eltern seien, betont die Fachfrau. "Wir wollen helfen, unterstützen und beraten." Erziehungs- und Partnerschaftsberatung, individuelle und auf den Einzelfall zugeschnittene Angebote sowie Spiel- und Freizeitaktivitäten seien teil des Angebots. "Dabei liegt der Fokus klar auf dem Kindeswohl." Sei Letzteres akut gefährdet, sagt Angela Hilles, Leiterin des Fachbereichs Kinder und Jugend im Rathaus, sei konsequentes Handeln notwendig - im Ernstfall auch eine Inobhutnahme. "Aber wir wollen verhindern, dass es soweit kommt."

Infos zu dem Projekt Wendepunkte gibt es unter www.diakonie-leverkusen.de oder www.suchthilfe-lev.de.

Quelle: RP
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