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Leverkusen
Wenn das Sehen durch Tasten, Riechen und Hören ersetzt wird

Leverkusen. Nur vier Prozent Sehkraft sind Ulrika Fiebrandt geblieben: "Und irgendwann werde ich gar nichts mehr sehen", weiß die 52-jährige Opladenerin. Doch sie und ihre Familie lassen sich nicht unterkriegen: "Ich bin ein positiver Mensch", sagt sie und strahlt dabei. Im Jahr 2000 gab es für sie die schicksalhafte Diagnose: "Ich war schon seit der Kindheit stark kurzsichtig. Inzwischen habe ich auch mit meiner Brille nur noch vier Prozent Sehkraft, wie mein Augenarzt sagt." Die Mutter von drei Kindern und zweifache Großmutter leidet unter unheilbarer Netzhautablösung. "Jetzt erkenne ich eigentlich fast nur noch Licht und Dunkel, aber meine anderen Sinne, das Tasten, Hören und Riechen haben sich weit mehr entwickelt", berichtet Ulrika Fiebrandt. "Die anderen Sinne werden eben mehr genutzt, als es bei Sehenden der Fall ist", erklärt Horst Fiebrandt, der seine Frau nach Kräften bei ihrer Alltagsbewältigung unterstützt. Von Gundhild Tillmanns

"Mein Mann hat früher an den Wochenenden schon immer gerne gekocht, jetzt macht er es jeden Tag. Und ich versuche noch, etwas zu helfen. Aber dabei habe ich auch schon mal Salz und Zucker verwechselt", gibt sie lachend zu.

Bis zu Beginn ihrer Augenerkrankung und dem schleichenden Verlust ihrer Sehkraft war Ulrika Fiebrandt als Hauswirtschafterin in einem Krankenhaus beschäftigt: "Mein Arbeitgeber hat alles versucht, aber irgendwann konnte ich trotz aller Hilfen nicht mehr arbeiten. Wenn man nicht genug sieht, kann man zum Beispiel keine Sauberkeitskontrollen machen", erläutert Fiebrandt. Und ihr Mann fügt hinzu: "Es gibt Fälle, da verlieren Patienten innerhalb von einer Woche das komplette Augenlicht. Wir konnten uns wenigstens langsam daran gewöhnen."

Ulrika Fiebrandt gewinnt ihrer Behinderung sogar eine positive Seite ab: "Mein Mann und ich sind zum Tandemfahren gekommen und haben einen völlig neuen Freundes- und Bekanntenkreis gewonnen. Unter den Tandemfahrern sind nur zwei Blinde", erzählt sie.

Die ersten zwei Jahre ihrer fortschreitenden Sehbehinderung habe sie das Fahrradfahren besonders vermisst: "Eines Tages saßen wir auf dem Balkon und sahen ein Tandem vorbeifahren. Dann haben wir uns erkundigt und gestaunt, wie viele Tandemfahrer es hier in der Region gibt", erzählt Horst Fiebrandt. Für ihre positive Lebenseinstellung hat die 52-Jährige ein Motto: "Ich sage mir immer, es gibt Leute, die sind viel schlechter dran als ich." Mit dem Blindenstock bewegt sich Ulrika Fiebrandt alleine aus dem Haus: "Ich bin mit dem Stock auch alleine in Opladen oder Wiesdorf unterwegs", sagt sie.

Und in Räumen, die sie nicht kennt, tastet sie sich zuerst vor: "Dann dürfen die Dinge nur nicht anders hingestellt werden, dann falle ich darüber", gibt Fiebrandt zu. Ganz alleine hat sie mit Hilfe ihres Tastsinnes aber sogar noch eine wunderschöne Winterlandschaft als Weihnachtsdekoration auf einer Kommode aufgebaut.

Ulrika Fiebrandt engagiert sich auch ehrenamtlich. Sie hat sich zur Beraterin ausbilden lassen und wird die Präsenzzeiten durch ihre Mitarbeit in der Geschäftsstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins Rhein-Wupper ergänzen. "Ich möchte für Menschen da sein, die durch die Diagnose geschickt sind und Angst haben, was auf sie zukommt, wenn sie nicht mehr sehen können."

Quelle: RP
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