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Leverkusener gegen Wegwerfgesellschaft
Wenn Flaschen durch die Wüste fliegen

Künstler kreiert Kunst aus Müll
Leverkusen/ Essen. Der Leverkusener Künster Thomas Luettgen macht mit seiner Ausstellung auf die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll aufmerksam. Er plädiert aber auch für einen sensibleren Umgang mit allen Ressourcen. Dafür zog es den Künstler sogar bis nach Namibia in die Wüste.  Von Ulrich Schütz

In der Namib-Wüste (zählt zum UNESCO-Welterbe) herrschen extreme Lebensbedingungen von 50 Grad bis zu Frosttemperaturen. Dass der Wind in dem "Sandmeer" Flaschen aus Kunststoff kilometerweit fliegen lässt, schreckt den Leverkusener Künstler Thomas Luettgen bei einem seiner Besuche in Namibia auf. 

"Hier sollte nur Sand sein, sonst  nichts", sagt der Leverkusener. Er will jetzt mit seinen Mitteln die Menschen zum Nachdenken über die Wegwerfmentalität  bewegen. Das Wüstenerlebnis war die Geburtsstunde seiner Ausstellung "earthworth – Von Perspektiven und Werten".

Müll kann so schön sein, vor allem wenn er zu Riesenpaketen gepresst oder einfach nur neu sortiert präsentiert wird. Auf der Zeche Zollverein, Essen, zeigt Thomas Luettgen Fotos aus Materiallagern deutscher  Wiederverwertungsfirmen, die eine bemerkenswerte Ästhetik entwickeln. Die großformatigen, teils durch mechanische Nachbearbeitung dreidimensionalen  Bilder und Collagen machen den Betrachter neugierig. Luettgen hat seine Fotos von Altpapierballen auf Pappe, von Metall auf Aluminium-Würfeln, von Kunststoff auf Folie gedruckt. So entstand auch die dominierende 5 mal 8 Meter Fotowand mit tausenden PET-Flaschen, die durch die Menge wie ein Mosaik wirken.

Der Leverkusener Künstler Thomas Luettgen. FOTO: Ulrich Schütz

Der am 27. März in Leverkusen geborene Thomas Luettgen widmet sich als Fotograf seit 2007 der bildenden Kunst. Auch die vielen Reisen nach Namibia prägen seine Denkweise über die Gesellschaft. Seit vier Jahren arbeitet Luettgen an der Werkserie "Wertvoll", die unter anderem Grundlage für seine Ausstellung ist. Die Kunstschau ist in der früheren Zentralwerkstatt der Zeche, in der 800 qm großen Halle 5, platziert.  Geschickt sind die Kunstfotos in drei Kuben installiert,  so entsteht eine Art Museumseffekt. An den Raumaußenseiten weist der Künstler auf die Bedeutung der Recyclingmengen hin. Eine Tonne wiederverwerteter Weißblechschrott ersetzt 1,5 Tonnen Erz und 665 Kilogramm Kohle, erfährt der Besucher am Kubus "Metall". Oder: Fünf Pet-Flaschen ergeben genug Fasern, um ein T-Shirt in XL- herzustellen.  Informative, nicht belehrende Faktenangaben. Nachdenkenswert.

Über die Betonung eines Details erleichtert Luettgen dem Betrachter oft das Erfassen der riesigen Abfallmengen auf den Fotos. Der Leverkusener arbeitet mit Farbtrennung: Im Kubus "Kunststoff" hängt die Fotoinstallation "Abgefahren": Ein in Deutschland beliebtes Rutschauto (Bobby-Car) ist mit anderen Kunststoffsorten zu einem Ballen gepresst. Das Spielzeug hat seine markante rote Farbe behalten, tritt durch Nachbehandlung  aus dem Foto hervor, die anderen Ballenreste hat Luettgen schwarzweiß gehalten. Die Methodik wendet er auch im Bereich Papier an: Ein mit Hammer und Zirkel bedruckter "Pass" und das westdeutsche 10-Euro-Sommerrabatt-Angebot dicht nebeneinander im Altpapierballen – so kann Geschichte auch aussehen.

"Werte erhalten, heißt die Sichtweise ändern", sagt der Künstler. Nach seinen Recherchen hatte die Weltbevölkerung im vergangenen Jahr schon am 13. August die natürlichen Ressourcen verbraucht, die die Erde für ein Jahr zur Verfügung stellen kann. Im Ausstellungsbegleitheft kommentiert Luettgen: "Unser verschwenderischer Konsum und der damit verbundene Ressourcenverbrauch liegt jetzt schon über dem, was die Erde bereitstellen kann – es müsste 1,6 Erden geben, um unseren (Jahres-)Bedarf zu decken." Und: "Wir müssen unser Verhalten ändern."

"Mit bis zu 500 Besuchern pro Tag bin sehr zufrieden mit der Besucherfrequenz", sagt Luettgen nach fast zwei Wochen Ausstellungsdauer. Seine Kunstschau wurde für den Standort Zeche Zollverein bis 5. Juni verlängert. Danach soll sie auf Wanderschaft gehen. Wenn es klappt auch nach Luxemburg, nach Berlin und München. "Ich würde mein Werk auch gern in meiner Heimatstadt zeigen", sagt Luettgen. Die Ausstellung wird von dem Lüner Recyclingunternehmen Remondis und den Essener Entsorgungsbetrieben unterstützt sowie vom Nabu fachlich begleitet.

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