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Leverkusen
Wenn Flaschen durch die Wüste fliegen

Leverkusen: Wenn Flaschen durch die Wüste fliegen
"Abgefahren" ist der Titel des Bildes, das in der Schau von Thomas Luettgen in der Zeche Zollverein (Essen) zu sehen ist. FOTO: US
Leverkusen. In der Namib-Wüste (zählt zum Unesco-Welterbe) herrschen extreme Lebensbedingungen von 50 Grad bis zu Frosttemperaturen. Dass der Wind in dem "Sandmeer" Flaschen aus Kunststoff kilometerweit fliegen lässt, schreckt den Leverkusener Künstler Thomas Luettgen bei einem seiner Besuche auf. "Hier sollte nur Sand sein, sonst nichts", sagt der Leverkusener. Er will jetzt mit seinen Mitteln die Menschen zum Nachdenken über die Wegwerfmentalität bewegen. Das Wüstenerlebnis war die Geburtsstunde seiner Ausstellung "earthworth - Von Perspektiven und Werten". Von Ulrich Schütz

Müll kann so schön sein, vor allem wenn er zu Riesenpaketen gepresst oder einfach nur neu sortiert präsentiert wird. Auf der Zeche Zollverein in Essen zeigt Thomas Luettgen Fotos aus Materiallagern deutscher Wiederverwertungsfirmen, die eine bemerkenswerte Ästhetik entwickeln. Die großformatigen, teils durch mechanische Nachbearbeitung dreidimensionalen Bilder und Collagen machen den Betrachter neugierig. Luettgen hat seine Fotos von Altpapierballen auf Pappe, von Metall auf Aluminium-Würfeln, von Kunststoff auf Folie gedruckt. So entstand auch die dominierende fünf mal acht Meter große Fotowand mit tausenden PET-Flaschen, die durch die Menge wie ein Mosaik wirken.

Der in Leverkusen geborene Thomas Luettgen widmet sich als Fotograf seit 2007 der bildenden Kunst. Auch die vielen Reisen nach Namibia prägen seine Denkweise über die Gesellschaft. Seit vier Jahren arbeitet Luettgen an der Werkserie "Wertvoll", die unter anderem Grundlage für seine Ausstellung ist. Die Kunstschau ist in der früheren Zentralwerkstatt der Zeche, in der 800 Quadratmeter großen Halle 5, platziert. Geschickt sind die Kunstfotos in drei Kuben installiert, so entsteht eine Art Museumseffekt.

Thomas Luettgen wurde in Leverkusen geboren. FOTO: US

An den Raumaußenseiten weist der Künstler auf die Bedeutung der Recyclingmengen hin. Eine Tonne wiederverwerteter Weißblechschrott ersetzt 1,5 Tonnen Erz und 665 Kilogramm Kohle, erfährt der Besucher am Kubus "Metall". Oder: Fünf Pet-Flaschen ergeben genug Fasern, um ein T-Shirt in XL herzustellen. Informative, nicht belehrende Faktenangaben. Nachdenkenswert. Über die Betonung eines Details erleichtert Luettgen dem Betrachter oft das Erfassen der riesigen Abfallmengen auf den Fotos.

Der Leverkusener arbeitet mit Farbtrennung. Im Kubus "Kunststoff" hängt die Fotoinstallation "Abgefahren": Ein in Deutschland beliebtes Rutschauto (Bobby-Car) ist mit anderen Kunststoffsorten zu einem Ballen gepresst. Das Spielzeug hat seine markante rote Farbe behalten, tritt durch Nachbehandlung aus dem Foto hervor, die anderen Ballenreste hat Luettgen schwarzweiß gehalten.

Die Methodik wendet er auch im Bereich Papier an: Ein mit Hammer und Zirkel bedruckter "Pass" und das westdeutsche 10-Euro-Sommerrabatt-Angebot dicht nebeneinander im Altpapierballen - so kann Geschichte auch aussehen.

"Werte erhalten, heißt die Sichtweise ändern", sagt der Künstler. Nach seinen Recherchen hatte die Weltbevölkerung im vergangenen Jahr schon am 13. August die natürlichen Ressourcen verbraucht, die die Erde für ein Jahr zur Verfügung stellen kann. Im Ausstellungsbegleitheft kommentiert Luettgen: "Unser verschwenderischer Konsum und der damit verbundene Ressourcenverbrauch liegt jetzt schon über dem, was die Erde bereitstellen kann - es müsste 1,6 Erden geben, um unseren (Jahres-)Bedarf zu decken." Und: "Wir müssen unser Verhalten ändern."

"Mit bis zu 500 Besuchern pro Tag bin sehr zufrieden mit der Besucherfrequenz", sagt Luettgen nach fast zwei Wochen Ausstellungsdauer. Seine Kunstschau wurde für den Standort Zeche Zollverein bis 5. Juni verlängert. Danach soll sie auf Wanderschaft gehen. Wenn es klappt, auch nach Luxemburg, nach Berlin und München.

"Ich würde mein Werk auch gern in meiner Heimatstadt zeigen", sagt Thomas Luettgen. Die Ausstellung wird von dem Lüner Recyclingunternehmen Remondis und den Essener Entsorgungsbetrieben unterstützt sowie vom Nabu fachlich begleitet.

Quelle: RP
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