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Leverkusen
Wie bei Bayer 04 Bilder im Kopf entstehen

Leverkusen: Wie bei Bayer 04 Bilder im Kopf entstehen
Keine leichte Aufgabe: Philip Heuser (vorne l.) berichtet als Blindenreporter hochprofessionell vom Spiel der Werkself gegen Werder Bremen. Angesichts der hohen Niederlage hätte er vermutlich aber wohl lieber weggeschaut. FOTO: uwe miserius
Leverkusen. Bei der Werkself vermitteln spezielle Blindenreporter ihren Zuhörern im Stadion das Spiel schon lange. Die neue Internetseite "blindenreportage.de" von "Aktion Mensch", Awo und DFL soll jetzt überall hohe Standards garantieren. Von Jim Decker

Gerade noch ist der Ball sicher in der Abwehr beim Leverkusener Tin Jedvaj. Die Mitglieder kleinen Gruppe auf der Tribüne der BayArena sehen das jedoch nicht. Wie auch: Sie tragen schließlich eine verdunkelte Ski-Brille.

Die soll deutlich machen, wie Blindenreporter ihren Zuhörern im Stadion das Spiel vermitteln. "Das kann auch mal langweilig sein, wenn das Spiel nur ein Hin- und Hergekicke ist", betont Philip Wegmann, der heute über das Spiel berichtet. Doch von Langeweile ist an diesem Abend bei der Werkself-Partie gegen Werder Bremen keine Rede: Schon kurze Zeit später wird Wegmanns Stimme zunehmend lebhafter, dann fällt das 1:0 der Bremer. Kein guter Start, und Leverkusen wird sich später nicht gerade verbessern.

Genau das - stetige Verbesserung und einen guten Start - wünschen sich allerdings die "Aktion Mensch", die Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) für die neue Internetseite "blindenreportage.de". Das Dreierbündnis arbeitet in einem gemeinsamen Kompetenzzentrum an Standards in der Blindenreportage und macht die jetzt auf der Seite einem größeren Publikum zugänglich.

Zwei Stunden nach Spielschluss sollen die Reportagen künftig abrufbar sein, außerdem gibt es in Anlehnung an das "Tor des Monats" der Sportschau auch ein "T-Ohr des Monats", bei dem besonders hörenswerte Kommentarschnipsel zur Auswahl stehen. Leverkusen ist, zumindest was die Blindenreportage angeht, "ein Meilenstein", sagt Thomas Schneider, bei der DFL für Fanangelegenheiten zuständig. 1999 beschrieb in der BayArena zum ersten Mal ein Reporter blinden Fans vor Ort das Geschehen auf dem Spielfeld.

Heute arbeiten allein bei der Werkself fünf feste Ehrenamtliche, die Pässe "aus der Abwehr auf halbrechts" oder "schnelle Konter über die linke Angriffsseite" verbildlichen.

Ausgerechnet beim Meisterschafts-Trauma 2000 gegen Unterhaching hörte Gerhard Stoll zum ersten Mal den Blindenreportern zu. Heute engagiert auch er sich für die Verbesserung der Berichterstattung. "Es geht um so einfache Dinge wie die Frage: Wo stecken Blinde ihren Kopfhörer rein?", sagt Stoll. Auch für so etwas müsse man sich Lösungen einfallen lassen.

Dafür, dass von dem über Jahre aufgebauten Leverkusener Know-How auch strukturschwächere Vereine profitieren, soll das Kompetenzzentrum sorgen. Angebote für sehbehinderte Menschen gibt es in allen Stadien der 1. Liga und bald auch in denen der 2. Liga. Verpflichtend ist es zwar noch nicht, in die Empfehlungen zur Barrierefreiheit der Fußball-Liga an die Vereine sollen Blindenreportagen aber künftig aufgenommen werden, sagt DFL-Vertreter Arne Stratmann. Dass die eines Tages sogar verpflichtend werden könnten, schließt er nicht aus: "Wir sind mit Nachdruck dabei, das zu etablieren."

Apropos Etablieren: Das Kompetenzzentrum soll regelmäßige Schulungen und einen Austausch zwischen den Reportern ermöglichen. Awo und die "Aktion Mensch" erhoffen sich so mehr Barrierefreiheit und eine Sensibilisierung für das Thema.

90 Prozent Auslastung habe man in der 1. und 2. Bundesliga, pro Spiel gebe es im Durchschnitt zehn bis 20 Hörer, bei einigen Klubs sogar lange Wartelisten, berichtet Stratmann. Die Nachfrage nach Fußball sei eben auch bei Blinden hoch - wie bei Gerhard Stoll. Der strahlt ganz besonders, als Bayer-Profi Ömer Toprak einige Worte zum Projekt findet und betont: "Ich habe eine Zeit lang im Rollstuhl gesessen. Ich habe zu solchen Projekten also einen ganz anderen Bezug."

Reporter Wegmann findet den Ist-Zustand nahe am Ideal. Schön in Leverkusen sei, dass Hörer und Kommentatoren nah beisammen säßen. "Wir kriegen mit, wie die Leute reagieren und haben so ein ganz anderes Verhältnis", lobt der Ehrenamtler.

Verbesserungswürdig ist allenfalls der Kick auf dem Rasen, den Stoll sich anhören muss. Aber was tut man sich nicht alles an als Fan?

Quelle: RP
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