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Prozess in Köln
Zahnarzt-Stalker muss in die Psychiatrie

Prozess in Köln: Zahnarzt-Stalker muss in die Psychiatrie
Das Kölner Justizgebäude (Symbolbild) FOTO: Hauser
Köln. Ein 33-Jähriger hat im Wahn eine Leverkusener Zahnarztpraxis terrorisiert - weil seine Ärztin die Praxis verlassen hatte. Vor dem Kölner Landgericht wurde er nun freigesprochen. Er muss in die Psychiatrie.  Von Claudia Hauser, Köln

Mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf sitzt Alexander M. (Name geändert) neben seinem Verteidiger und hört sich an, was die Vorsitzende Richterin sagt: "Wir müssen davon ausgehen, dass Sie genau so weiter machen wie bisher – es gibt kein Konzept für ein Leben außerhalb dieser einen Idee in Ihrem Kopf."

Diese eine Idee, das ist das Bedürfnis des Angeklagten, seine ehemalige Zahnärztin zu sehen und mit ihr zu sprechen. Bis zu 20 Mal war der 33-Jährige bei der jungen Assistenzärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Leverkusen-Wiesdorf in Behandlung, dann wechselte sie in eine andere Praxis. M. war aber nicht damit einverstanden, dass einer ihrer Kollegen ihn weiterbehandelt – und verstieg sich in die Idee, sie wiedersehen zu wollen. Er tyrannisierte die Praxismitarbeiter fast eineinhalb Jahre lang. 80 Taten waren angeklagt: Körperverletzung, Bedrohungen, Sachbeschädigungen, allein 65 Fälle von Hausfriedensbruch.

Er lebte bisher straffrei

Der Prozess gegen M. ging am Mittwoch vor dem Kölner Landgericht allerdings mit einem Freispruch zu Ende. M. hat eine wahnhafte Störung, ist schwer krank. "Die Häufigkeit der Taten ist Ausdruck seiner Qual", sagte der psychiatrische Gutachter. M. kann deshalb nicht bestraft werden, die Vorsitzende ordnete die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Da das Leben in der Forensik kein "Wellnessaufenthalt" wird, wie sie sagt, und sehr lange dauern kann, habe sich die Kammer die Entscheidung gründlich überlegt. Zumal M., der 2001 mit seinen Eltern aus Kasachstan nach Deutschland kam, aber nie richtig Fuß fassen konnte, bisher ein straffreies Leben geführt hat.

Sein Verteidiger Ingo Lindemann hatte in seinem Plädoyer angemerkt, dass die Unterbringung in der Forensik die "massivste Freiheitseinschränkung ist, die das Strafrecht zu bieten hat". Es könne passieren, dass sein Mandant zehn Jahre oder länger hinter Stacheldraht sitze – für Taten, die jede für sich genommen, "keine erheblichen Schäden" angerichtet hätten.

Doch die Vorsitzende machte in der Urteilsbegründung deutlich, was M.s tägliche Belagerung der Praxis bei den Ärzten und Mitarbeitern ausgelöst hat. Es ging bei allen bis zur Existenzangst, dass M. bis zu 67 Mal pro Woche in der Praxis angerufen, Böller reingeworfen und einer Mitarbeiterin ins Gesicht gespuckt hat, ihren Autoreifen zu zerstechen versuchte, damit drohte, das Haus in die Luft zu jagen. Er beschmierte die Briefkästen, stand ständig im Hof – obwohl er sich dem Gebäude schon lang nicht mehr nähern durfte, weil die Praxis eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt hatte.

Am letzten Prozesstag sagte M. nur: "Ich will ganz normal zum Zahnarzt – und vor allem meine Freiheit." 

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