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Wie Geht's, meerbusch?
160-Quadratmeter-Wohnung für einen Pfarrer - zu viel?

Meerbusch. Die Neuplanung der Vikarie am Kirchplatz in Osterath sorgt für Diskussionen. Wer hier den Vorwurf äußert, ein Kirchenvorstand würde das Maß verlieren, sollte sich den Fall zunächst differenziert anschauen.

Dieser Fall hat natürlich das Potenzial für eine Neiddebatte: Und deshalb wurde im Kirchenvorstand von St. Hildegundis heftig um den Umbau der Neuen Vikarie gerungen. In dem Altbau am Kirchplatz hinter der Pfarrkirche St. Nikolaus soll nach Plänen des Kirchenvorstandes künftig Pfarrer Norbert Viertel leben. Mit dem geplanten Anbau im Bauhaus-Stil stünden dem Geistlichen 160 Quadratmeter zur Verfügung. Ist das zu viel? In der Pfarrgemeinde wird seit Veröffentlichung der Pläne emotional diskutiert. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass Pfarrer Viertel für Schlagzeilen sorgt.

Um es klar zu schreiben: Für eine Person, ganz gleich ob Pfarrer oder normales Gemeindemitglied, sind 160 Quadratmeter Wohnraum ein recht luxuriös bemessener Platz. Deshalb ist der Kirchenvorstand aber noch lange kein Abnickergremium, das artig dem Wunsch des Pfarrers als Vorsitzendem gehorcht. Man muss den Argumenten des Kirchenvorstandes genau zuhören, bevor man hier Ehrenamtlern den Vorwurf macht, ohne Maß zu handeln. Und man sollte den Fall genauer unter die Lupe nehmen, bevor man dem Geistlichen vorwirft, ein neuer "Protzpastor" des Typs Franz-Peter Tebartz-van Elst zu sein.

Die Pfarre St. Hildegundis steht wie viele andere Kirchengemeinden vor dem Problem, einen Immobilienbestand zu haben, der den Realitäten angepasst werden muss. Sinkende Kirchensteuereinnahmen, weniger Pfarrer, weniger Kirchenmitglieder - von irgendwo muss das Geld kommen. Aus diesem Grund wird das Pfarrheim an der Hochstraße verkauft. Das Pfarrheim in Strümp ist für Flüchtlinge freigezogen worden. Die Neue Vikarie in Osterath, die um einen Bauhaus-Kubus ergänzt werden soll, muss also als Teil eines größeren Immobilienensembles gesehen werden. Der Kirchenvorstand plant den Bau in dieser Dimension, damit dort künftig auch eine Familie mit Kindern wohnen könnte. Der Bau wird also nicht allein für den Pfarrer so errichtet, sondern auch für die Zeit danach. Hier agiert ein Gremium weitsichtig. So weit, so nachvollziehbar.

Es bleibt aber die Frage, ob der Bau für seine erste Bestimmung überdimensioniert ist. Und es stellt sich die Frage, ob es ein gutes Signal ist, wenn die Kirche überall im Immobilienmanagement spart, aber ausgerechnet eine räumlich großzügige Pfarrerswohnung errichtet.

Mancher im Kirchenvorstand sieht bereits Parallelen zum damaligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst - er stürzte darüber, dass er sein Bischofshaus für 31,5 Millionen Euro statt der geplanten 1,56 Millionen Euro umbauen ließ. "Protz-Bischof" wurde er danach genannt.

Der Fall Neue Vikarie ist zwar in der baulichen Problematik - Kubus wird an Altbau herangesetzt - mit der Entwicklung im Bistum Limburg vergleichbar. Mitnichten ist aber deshalb Pfarrer Viertel gleich Protzpfarrer. Er mag in Osterath manche Widersacher haben. Gesprächsverweigerung wird ihm etwa vorgeworfen. Pfarrer Viertel ist in seiner derzeitigen Funktion aber auch ein Geistlicher neuen Typs, der als Gemeindemanager fungieren muss, die Widrigkeiten einer Fusion zu beseitigen versucht, also gerade mit dem Problem lebt, einen Sparkurs managen zu müssen. Er wird tief im Inneren spätestens jetzt wissen: Sein möglicher neuer Wohnsitz passt nicht zu diesem stringenten Sparkurs. Dass er um die Brisanz weiß, zeigt seine Reaktion auf den Anruf unserer Redaktion am Mittwoch: Da sagte er, dass doch längst noch nicht feststehe, dass er tatsächlich in den Bau einzieht. Zur Wahrheit gehört aber hier auch: Er hat sich sehr wohl mit dem Objekt befasst, mit dem Gedanken eines Einzugs gespielt. Das zeigen vertrauliche Äußerungen des Kirchenvorstandes gegenüber unserer Redaktion.

Was ist jetzt zu tun? Der Kirchenvorstand, dessen Vorsitzender der Pfarrer ist, sollte die Planungen überdenken. Am Donnerstag hat er erstmals getagt. Jetzt muss klar aufgelistet werden, welche Raumbedarfe es gibt und was davon womöglich verzichtbar ist. Manches, was ein normaler Hausbewohner nicht braucht, hat ein Pfarrer nötig: einen Empfangsraum zum Beispiel. Könnte der auch in dem Gemeinderaum "Nussschale" eingerichtet werden?

Wenn am Ende auf den Kubus verzichtet wird, den mancher ohnehin als optisch missraten empfindet, wird das die Immobilie nicht unvermietbar machen. 100 Quadratmeter Wohnraum - das ist mehr, als manche vierköpfige Familie in Meerbusch zur Verfügung hat. Ein Mieter würde sich finden - ganz sicher.

SEBASTIAN PETERS

Quelle: RP
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