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Wie Geht's, Meerbusch?
Bürgerprotest - ein historisches Beispiel

Wie Geht's, Meerbusch?: Bürgerprotest - ein historisches Beispiel
Historisches Heftchen: Vor rund 20 Jahren erschien eine Broschüre zur Verhinderung einer A 44 durch die Ilvericher Altrheinschlinge. FOTO: Keymis
Meerbusch. Immer mehr Bürgerinitiativen wenden sich in Meerbusch gegen etwas: Gewerbegebiet, Fluglärm, Südanbindung. Die Kritik ist häufig massiv, manchmal undifferenziert, für die Gegenseite immer anstrengend. Ein Blick 20 Jahre zurück zeigt aber, dass die Initiativen am Ende oft zum Wohle aller handeln. Von Sebastian Peters

Der Mobilisierungsgrad der Bürgerinitiativen in dieser doch eigentlich tiefbürgerlichen Stadt Meerbusch erstaunt. Noch vor zehn Jahren hätte man wohl nicht geglaubt, dass in einem Städtchen voller wohlhabender Bürger - 85 Prozent Einfamilienhausquote! - ein so großes Protestpotenzial steckt. Bürgerinitiativen, das waren doch immer die anderen, die in Batikklamotten mit Birkenstocksandalen. Die heutigen Initiativen in Meerbusch sind anders: Die dort aktiven Bürger sind deutlich älter, und meist sind sie in Sorge um ihren erarbeiteten Wohlstand, um ihr Eigenheim, um ihren lebenswerten Stadtteil.

Dieser Protest mag manchmal anstrengend sein, weil die Initiativen mindestens so apodiktisch auf ihrer Position beharren wie die Gegenseite, Flughafen, IHK oder Amprion. Und doch ist der Protest nie falsch: Erstens, weil Bürger hier einer ohnehin existierenden Sorge Ausdruck verleihen. Zweitens, weil mit diesem Protest im Grunde alles auf einen Kompromiss hinarbeitet. Nur sagt das jetzt noch keiner.

Es gibt ein historisches Beispiel in Meerbusch. Mancher, der heute auf die andere Rheinseite nach Düsseldorf fährt, hat es vielleicht schon wieder vergessen. Dass die Ilvericher Altrheinschlinge untertunnelt worden ist, ist im Kern nicht einer weisen Ministerentscheidung zu verdanken. Es waren Meerbuscher Bürger, an der Speerspitze auch der heutige Grünen-Landtagsabgeordnete und Landtagsvizepräsident Oliver Keymis, die gegen die A 44 in Meerbusch gekämpft haben. "Stop A 44" hieß die Initiative damals. Die Bürger wollten den Lückenschluss der beiden Teilstücke per Brückenbau von Düsseldorf nach Meerbusch verhindern. Gegen den Plan einer Brücke legten im Herbst 1993 insgesamt 5000 Bürger Widerspruch ein.

Vor 20 Jahren ist dazu ein historisches Blättchen erschienen, das die A 44-Bürgerinitiative verfasst hat. "Rettet die Meerbuscher Rheinauenlandschaft. Der Natur eine Chance" heißt es auf dem Titelblatt des mit Schreibmaschine geschriebenen und vielfach kopierten Heftchens. Vorne sieht man eine Uferschnepfe im Wasser. Wer heute darin liest, der kann entdecken, wie clever damals argumentiert, wie rhetorisch geschickt ganz Meerbusch ins Boot geholt wurde. Von einer drohenden "Jahrhundertzerstörung" ist dort die Rede. "Mitten im Herzen der Stadt Meerbusch planen mit Scheuklappen behaftete Technokraten den größten Umweltskandal, den es jemals gegeben hat", steht da. Starker Tobak!

So radikal war die Ablehnung einer A44-Rheinbrücke, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, dass exakt diese Bürgerinitiative nachher einen Kompromiss tolerieren würde: Den nämlich, dass zwar die Rheinbrücke gebaut, dann aber in Meerbusch die Ilvericher Altrheinschlinge untertunnelt wird. So kam es: Eine kombinierte Tunnel-Brücken-Lösung wurde erreicht. 1998 begann der Ausbau der neuen A 44-Trasse auf der Düsseldorfer Rheinseite, vier Jahre später wurde die Flughafenbrücke festlich eröffnet. Die Meerbuscher Rheinaue ist unterdessen geschütztes Flora-Fauna-Habitat-Gebiet.

Wir fahren jetzt durch den Tunnel und vergessen allzu oft, dass dieser Tunnel von Menschen erstritten wurde, die man heute vielleicht Wutbürger nennen würde.

Waren die wirklich nur wütend? Spricht man mit dem Landtagsabgeordneten Oliver Keymis über den damaligen Protest, dann räumt er offen ein, dass ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt klar gewesen sei, dass es nur über einen Kompromiss gehen kann. Nur habe er dies zu einem frühen Zeitpunkt noch nicht aussprechen können. Keymis stand ständig im Dialog etwa mit dem damaligen NRW-Minister Wolfgang Clement, zu dem er auch heute noch eine Bindung pflegt. Auf der Bühne Radau, hinter den Kulissen Gespräche.

Man kann viel lernen aus dieser Geschichte: Natürlich kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass sich Protest immer lohnt. Dann hat man aber nur die Hälfte erfasst. Der andere Teil der Wahrheit ist, dass am Ende immer nur ein vernünftiger Kompromiss stehen muss, auch wenn das Wort den faden Beigeschmack von Endlosdebatten hat.

Ein Wort am Rande noch zum Protest: Man wundert sich manchmal, wie unsere Städte jemals so werden konnten, wie sie sind. Stromleitungen, Straßen, Hochhäuser: Müsste man Meerbusch mit dem heutigen Planungsrecht noch einmal neu aufbauen, es würde wohl Jahrhunderte dauern, bis alle Einwendungen abgearbeitet wären.

Quelle: RP
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