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Stiftung
"Damit von Rebecca etwas bleibt"

Damit von Rebecca aus Meerbusch etwas bleibt
Dieses Foto von Rebecca entstand in Frankreich im Oktober vergangenen Jahres, es zierte ihre Todesanzeige und die Homepage der Stiftung. FOTO: privat
Meerbusch. Die 15-jährige Rebecca Klausmeier aus Meerbusch starb im Dezember bei einem Verkehrsunfall auf dem Schulweg. Ihre Eltern haben eine Stiftung in ihrem Namen gegründet - weil ihr Herz so groß war. Von Martina Stöcker

Rebecca hat immer gerne gegeben. Weihnachten war deshalb immer ein besonderes Fest für sie. "Monatelang hat sie ihr Taschengeld beiseitegelegt, damit sie den Menschen, die ihr wichtig sind, ein Geschenk machen kann", sagt ihre Mutter Stefanie Klausmeier. Für letztes Weihnachten hatte das 15-jährige Mädchen 24 Personen auf seiner Liste. Am ersten Adventswochenende hatte Rebecca schon sieben Geschenke besorgt. Sie lagen in selbst gebastelten Schachteln eingepackt und schon beschriftet in ihrem Zimmer.

Das Unglück geschah am 1. Dezember

Die Freude der Beschenkten hat Rebecca nicht mehr erlebt. Am 1. Dezember 2015 ist sie auf ihrem Schulweg an einer Haltestelle in Meerbusch von einer Straßenbahn erfasst worden. Ihre Mutter hatte sie gerade mit dem Auto dort abgesetzt, ihr 14-jähriger Bruder wartete auf dem anderen Bahnsteig auf seine Bahn. Es war noch dunkel, es regnete, Rebecca trug eine Kapuze, vielleicht war sie auch, typisch für Teenager, noch nicht richtig wach. Sie übersah das rote Warnlicht und eine Bahn aus der Gegenrichtung. Zwei Tage später starb sie im Krankenhaus.

Schon in der Traueranzeige haben Stefanie und Christian Klausmeier, Geschäftsführer einer Unternehmensberatung, um Spenden für eine zu gründende Stiftung in Erinnerung an ihre Tochter gebeten. "Es war die spontane Idee meines Mannes", sagt die 50-Jährige, "damit wir etwas von Rebecca am Leben erhalten und etwas von ihr bleibt." Obwohl es zunächst nur eine Absichtserklärung war, kamen damals bereits viele Spenden für "BroSis - Rebecca-Klausmeier-Stiftung". "Das war sowohl eine Wertschätzung für Rebecca als auch für uns, dass wir das Richtige tun."

Spardose für Spendengeld

Rebecca war großzügig. Obdachlosen hat sie häufig etwas zu essen gekauft, auf ihrem Schreibtisch stand eine Spardose, in der sie ihr Spendengeld gesammelt hat. Das Geld, das sie von Verwandten und Freunden zu ihrer Konfirmation geschenkt bekommen hatte, behielt sie nicht für sich, sondern gab es an das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Auch mit diesem Geld wurde in der georgischen Stadt Gali ein behindertengerechter Spielplatz für ein Kinderzentrum gebaut. "Errichtet dank einer Spende von Rebecca Klausmeier aus Deutschland" steht auf Englisch auf einer Tafel am Spielplatz. "Als sie sich dazu entschieden hatte, war sie gerade 13 geworden", erinnert sich Stefanie Klausmeier.

Warum Rebecca ein so großes Herz hatte und sich häufig auf die Seite der Benachteiligten stellte? Die Klausmeiers sehen den Grund auch in Rebeccas schwierigem Start ins Leben und ihren eigenen Erfahrungen. Sie kam vier Wochen zu früh auf die Welt, hatte deshalb Einschränkungen, wegen denen sie viele Therapien und Behandlungen machen musste. "Sie hat viel körperlich kämpfen müssen, das hat sie ungewöhnlich stark gemacht für ihr Alter", sagt die Mutter. So ist auch ihr Lebensmotto zu verstehen: "Life isn't about waiting for the storm to pass. It's learning to dance in the rain" - Man soll nicht darauf warten, dass der Sturm vorbeizieht, sondern lernen, im Regen zu tanzen. Das Mädchen sei oft ausgeschlossen worden, manchmal schwierig gewesen, weil es offen gesagt hat, was es dachte. "Rebecca war einfach kein Mainstream." An ihrer alten Schule habe es Probleme mit Mitschülern gegeben, sie hat auf die Ablehnung reagiert und sich abgesondert. "Sie hat sich selbst zu einer Einzelgängerin gemacht." Auch deshalb war die Familie besonders eng miteinander. "Sie hat noch so viel Zeit mit uns verbracht, auch das macht den Verlust so schwer", sagt ihre Mutter.

Manches kostet Überwindung

Rebecca war erst im Sommer 2015 zum neuen Schuljahr an die Freie Waldorfschule nach Krefeld gewechselt. Dort sei sie aufgeblüht und positiver geworden. Die Mitschüler und die Familie stehen noch in Kontakt. Vor rund zwei Wochen war Rebeccas Geburtstag, sie wäre 16 Jahre geworden. Die Mitschüler haben den Tag mit Klausmeiers bei einem Picknick im Park verbracht. Sie hatten Luftballons besorgt, die mit Glückwunschkarten in den Himmel stiegen. Zwei Drittel ihrer Mitschüler engagieren sich bei der Stiftung, bringen Ideen ein. So wollen sie Kindern in Kinderheimen eine Mitgliedschaft im Sportverein ermöglichen, Gleichaltrige im Krankenhaus besuchen. Die Klausmeiers koordinieren, organisieren, sammeln Spenden, führen Gespräche - wie mit der Helios-Klinik in Krefeld wegen des Besuchsdiensts. Manches kostet Überwindung. "Der Termin im Krankenhaus ist mir nicht leicht gefallen", sagt Stefanie Klausmeier. In der Klinik ist Rebecca gestorben.

Die "BroSis"-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Hilfsbedürftige - vor allem Kinder und Jugendliche - in der Region zu unterstützen und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. "Das war auch Rebeccas Anliegen: den Menschen vor der eigenen Haustür zu helfen." Erste Aktionen hat es bereits gegeben: So sponsert die Stiftung zwei Plätze bei der Jugendfreizeit mit Pfarrer Wilfried Pahlke von der evangelischen Christus-Gemeinde in Meerbusch-Büderich. "Unsere Tochter war vergangenen Sommer auch dabei, es hatte ihr sehr gut gefallen", sagt Stefanie Klausmeier.

Benefizkonzert am Freitag

Der 50-Jährigen ist bewusst, dass einige Menschen ihr Engagement und ihren damit verbundenen Schritt in die Öffentlichkeit vielleicht auch mit einem verständnislosen "Wie kann man nur?" kommentieren. Vielleicht, so ergänzt ihr Mann, sei das der Preis, "den wir zahlen müssen, um etwas zu erreichen". Aus Urteilen anderer hat sich Stefanie Klausmeier aber noch nie etwas gemacht, ihr geht es um "die Sache", für die sich Rebecca stark gemacht hat. Die Familie stellt sich aber auch die Frage, wie viel Raum ihre Stiftung einnehmen darf. "Unsere Familie ist durch Rebeccas Tod aus dem Gleichgewicht geraten. Wir leben mit einer Lücke, die wir nicht füllen wollen, die aber auch nicht alles andere überlagern darf", stellt Stefanie Klausmeier fest.

Für diesen Freitag lädt die Stiftung in Meerbusch ein zu einem Benefizkonzert: Chor und Orchester der Krefelder Waldorfschule geben in der Meerbuscher Christuskirche ein Sommerkonzert. Es ist die Kirche, in der auch die Trauerfeier für Rebecca stattgefunden hat. Damals haben Mitschüler "Amazing Grace" gesungen, das auch Rebecca noch mit einstudiert hatte. "Es ist so etwas wie ihre Hymne geworden", sagt ihre Mutter. Die Eltern freut es zu sehen, wie groß das Engagement der ehemaligen Mitschüler ist. "Dieses positive Feedback ist sehr wertvoll für uns." Das spendet Trost im Alltag und gibt Energie für die Stiftung, denn die ständige Erinnerung an Rebeccas Tod kostet auch Kraft. "In mir drin ist noch nichts anders als vor einem halben Jahr", sagt Stefanie Klausmeier. Vieles falle schwer - "aber das gehört zur Trauerarbeit". Nur wenn sie sich in solche Situationen wie das Sommerkonzert in der Kirche hineinbegebe, könne sie vorwärts kommen. Und sie ist sich sicher: "Ich habe die Stärke, das zu schaffen."

Die Klausmeiers haben es auch geschafft, Rebeccas Weihnachtsgeschenke an die sieben Menschen zu geben, die sie schon bedacht hatte. Nicht an Weihnachten, das war zu früh, da ging es noch nicht. Aber im Januar.

Quelle: RP
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