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Mohammad Khir aus Syrien
Das Ende einer Flucht

Mohammad Khir aus Syrien: Das Ende einer Flucht
Mohammad Khir aus Syrien ist nach Langer Flucht in Meerbusch angekommen. Dort hat der 29-Jährige Freunde gefunden und Mut geschöpft. FOTO: Dackweiler, Ulli
Meerbusch. Seine Heimat Syrien hat Mohammad Khir nach einmonatiger Flucht über den Westbalkan hinter sich gelassen. Nach einigen Stationen in Deutschland ist er in Meerbusch angekommen - nicht als Gast, sondern als Nachbar, wie er sagt. Von Marcel Romahn

Mohammad Khir und seine Freunde haben gerade zu Abend gegessen. Jetzt ist Bewegung angesagt. Die jungen Männer räumen den Gemeinschaftsraum um: Sie schieben die Stühle zur Seite und stellen vier kleine Esstische in der Mitte des Raumes zu einem Rechteck zusammen. Dann klemmen sie ein großes Stück Pappe in der Mitte dazwischen. Fertig ist die Tischtennisplatte für das Turnier zwischen den Teams aus Syrien, Marokko und Eritrea.

Die Punkte zählt keiner mit, stattdessen wird viel gelacht und geredet. Unbeschwertheit - dieses Gefühl hat der 29-jährige Syrer schon lange nicht mehr gespürt. "Der Weg hierhin war schwierig. Aber ich habe großes Glück gehabt", sagt er. In seiner Unterkunft, einem ehemaligen Kindergarten in Meerbusch, habe er jetzt alles, was er braucht: einen ausgefüllten Tag, eine Aufgabe und vor allem "das Gefühl, nicht mehr weglaufen zu müssen".

Fotos: #ZufluchtNRW: So leben Flüchtlinge in unserer Region FOTO: RPO, Laura Sandgathe

Die Angst vor dem IS-Terror zwang Mohammad Khir, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, aus Syrien zu flüchten. Seine Familie musste er zurücklassen. Einen Monat hat seine Flucht nach Deutschland gedauert - quer durch die Westbalkan-Länder. Erste Station in Deutschland war München, bereits am nächsten Tag ging es weiter nach Dortmund. Dort begann das Warten. "Das war aber nicht schlimm", sagt er. "Ich hatte drei Tage lang nicht einmal richtig geschlafen." Am ersten Tag in der Erstaufnahmestelle habe er deshalb fast den ganzen Tag nur im Feldbett gelegen.

In den folgenden zwei Wochen habe er sich gefühlt wie ein alleingelassenes Kind. Die Registrierung, medizinische Untersuchungen, Impfungen und ständig seinen Namen auf langen Listen suchen - mit der deutschen Bürokratie war der Syrer überfordert. "Wir mussten von einem Termin zum nächsten, immer in großen Gruppen", sagt Mohammad Khir. Nur mit ein paar Worten Englisch konnte er sich mit den Behörden verständigen. "Ich habe fast nichts verstanden - wo ich hin sollte, was man dort von mir will." In den langen Warteschlangen habe er sich immer wieder selbst motiviert, sich gesagt, "zieh das jetzt alles durch, das Schlimmste ist vorbei, jetzt geht es voran".

900 Flüchtlinge kommen mit Sonderzügen in Düsseldorf an FOTO: Christoph Reichwein

Zwischen den vielen Terminen wollte Mohammad Khir jedoch nicht nur im Bett liegen. "Manchmal habe ich mit anderen Syrern draußen Fußball gespielt", sagt er. Freundschaften seien dabei jedoch nicht entstanden. "Ich kam mit Fremden nach Deutschland und kannte auch in Dortmund niemanden gut." Die meiste Zeit verbrachte er draußen allein auf Parkbänken, rauchte eine Zigarette nach der anderen, wartete auf seine Zuteilung und sagte sich immer wieder: "Es geht voran. Irgendwo werde ich ankommen und dann bleiben."

Nach 14 Tagen in Dortmund war es endlich so weit: Mohammad Khir wurde der Stadt Meerbusch zugeteilt. In Osterath wohnt er seitdem mit 39 weiteren Flüchtlingen in einem ehemaligen Kindergarten. Aus den Gruppenräumen wurden Schlafzimmer für jeweils zehn Personen, der große Flur wurde zum Gemeinschaftsraum. "Hier habe ich neue Freunde gefunden, meine zweite Familie", sagt der 29-Jährige. Damit sind nicht nur seine Mitbewohner gemeint. Mohammad Khir deutet aus dem Fenster, hinüber auf die andere Straßenseite. "Unsere deutschen Nachbarn, die uns besuchen, Kuchen vorbeibringen oder uns draußen auf der Straße ansprechen, haben uns gezeigt, dass wir hier nicht als Gäste gesehen werden, sondern als Teil der Gemeinschaft. Endlich sind wir angekommen."

Der Tagesablauf des jungen Syrers hat sich inzwischen sehr verändert. Gewartet habe er genug. Jetzt möchte er produktiv sein, zeigen, dass er in Deutschland nützlich sein kann. Dreimal pro Woche geht er zum Deutschkurs. "Das klappt noch nicht so gut", sagt er, obwohl ihm ein "Dankeschön" leicht über die Lippen kommt. Auch die Hausarbeit nehmen Mohammad Khir und seine Mitbewohner sehr ernst.

Fotos: Eine Nacht in der Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft FOTO: Bernd Schaller

Als gelernter Maler kann er vor allem bei handwerklichen Aufgaben helfen, etwa bei der Gartenpflege oder bei Reparaturen. "Wir kochen, waschen und putzen immer zusammen", sagt er. "Aber in der Küche hast du das Sagen", sagt sein Mitbewohner und klopft Mohammad Khir auf die Schulter. Hühnchen mit Reis, das kann keiner so gut wie der "Chefkoch". Auch sein Erscheinungsbild ist dem jungen Mann wichtig - gepflegter Bart, frisches T-Shirt, saubere Schuhe.

320 Euro pro Monat bekommen die Flüchtlinge vom Staat, davon müssen sie alle Lebensmittel kaufen. "Davon können wir ganz gut leben", sagt der Syrer. Die Ehrenamtler der Flüchtlingshilfe helfen mit Sachspenden. "Aber mit dem Rauchen ist jetzt Schluss", sagt Mohammad Khir. "Wir brauchen das Geld für wichtigere Dinge." Außerdem könne er dann bei seinem Lauftreff nicht mehr mithalten. Überhaupt sei er mit seinen neuen Freunden gerne draußen. "Es ist hier so sauber und ordentlich. Jedes Mal, wenn ich spazieren gehe, staune ich, wie gut die Menschen hier auf ihre Häuser, Gärten und Straßen achten."

Der Gemeinschaftsraum wird nicht nur für Tischtennis-Turniere genutzt. Auf dem Fernseher schaut Mohammad Khir auch gerne Fußball. Lieblingsverein: der FC Barcelona. "Ich verstehe zwar den Kommentator nicht, aber mir reichen die Bilder", sagt er. "Manchmal spielen wir abends auch Karten oder reden über unsere Zukunft." Langweilig werde es im "Heim" niemals.

Wie stellt sich Mohammad Khir seine Zukunft vor? "Ich möchte hier bleiben und die Sprache lernen", sagt er. "Dann möchte ich arbeiten, vielleicht wieder als Handwerker." Die Bomben nicht mehr zu hören, ohne Angst zu sein - darin sieht der junge Syrer ein "Geschenk". An seine Familie denkt er jeden Tag. Plötzlich redet er leiser: "Vielleicht sehe ich sie nicht wieder. Nicht jeder hat so viel Glück wie ich."

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Quelle: RP
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