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Meerbusch
Das Wunder von Osterath

Meerbusch. Sie wird gemieden und geschmäht - die Schranke beim Osterather Bahnhof ist unbeliebt. Durchschnittlich alle drei Minuten senkt sich die Barriere klappernd zu Boden. Stillstand für Radler, Fußgänger und Autos. Züge rattern vorbei. Geduld oder Glück sollte man haben. Punkt 12 Uhr, die Schranke ist unten. Aber nur wenig später und der Weg ist frei.

"Es ist ein Wunder, wenn man ohne zu Warten die Gleise überqueren kann", sagt eine Spaziergängerin. Sie führt drei Golden Retriever an der Leine: Amy, Debby und Hummel. Es sind Oma, Tochter und Enkelin. Kein Glück hat der Mann im Jackett. Die Ampel springt auf Orange, dann auf Rot. Etwas verträumt hört er zwar das Gerassel der Schranke, ist aber zu weit vorgerückt. Fast wird der Mann von der Schranke in den Nacken getroffen. Lässig steckt er sich eine Zigarette an. Nun gilt es, den peinlichen Moment zu überspielen. Allerdings bleibt es peinlich, als der junge Mann rund 20 Minuten in der Gegend umherirrt. Er sucht die Haltestelle der Buslinie 071. Bei dunklen Wolken und Nieselriegen wirkt die Schranke noch trister als sonst. Es riecht nach Abgasen. Nicht alle Autofahrer, die in der Schlange stehen, machen den Motor aus - dem Hinweisschild zum Trotz.

Ein Zug mit rund 24 Güterwagen düst vorbei, der Lärm ist enorm. Schon seltsam: Als Fahrgast kann man sich über Züge freuen. Es lässt sich nur erahnen, was die Lärmschutzmauer für die Menschen in der Siedlung am Gladiolenweg leistet. Ein Mann mit grauer Anzughose und hellblauem Hemd ist in Eile. In einer Tüte steckt ein Baguette. Um sich einen Mittagssnack im Supermarkt zu holen, hatte sich der Mann über die Gleise gewagt. Die Phase "Schranke oben" hat er verpasst, dreht nun unruhig vor dem Andreaskreuz Kreise und knurrt: "Das ist doch Freiheitsberaubung." Wunder geschehen eben nur selten.

(mabi)
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