| 00.00 Uhr

Claudia Schlicht
Dem Kind helfen, die Euphorie zu erhalten

Claudia Schlicht: Dem Kind helfen, die Euphorie zu erhalten
"Auch wenn die Erinnerung an die eigene Schulzeit eher negativ ist, sollten Eltern überlegen, was ihnen an der Schule gefallen hat und von den schönen Aspekten der Schule berichten", rät Psychologin Claudia Schlicht. Sie leitet die Erziehungs-und Familienberatungsstelle in Osterath. FOTO: Achim Hüskes
Meerbusch. Die Zeit vor dem ersten Schultag ist oft aufregend und mit Spannung verbunden, bei einigen Eltern auch mit Sorgen und Befürchtungen. Psychologin Claudia Schlicht von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern gibt Tipps

Wie können Eltern ihr Kind vor Schulbeginn auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiten?

Claudia Schlicht Vor dem ersten Schultag können sie mit ihrem Kind gemeinsam den Schulweg "üben" und den Weg gemeinsam mehrmals zur Probe ablaufen. Dabei kann es sich mit dem noch fremden Schulgebäude und Schulhof zumindest von außen etwas vertrauter machen. Auch können Eltern bei dieser Gelegenheit mit ihrem Kind darüber sprechen, welche Gefühle und Gedanken es zum Thema Schulanfang beschäftigen. Anfangs können sie ihr Kind noch zur Schule begleiten. Später, bei ausreichend Sicherheit und Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr, kann es den Weg dann alleine bestreiten.

Welche Vorbereitungen können Eltern sonst noch treffen?

Schlicht Sicherlich haben die meisten Eltern schon einen durch Reflektoren gut sichtbaren, bequemen und gut passenden Schulranzen besorgt. Wenn nicht, sollten sie mit ausreichend Zeit mit ihrem Kind zusammen einkaufen gehen. Bei diesem Einkauf können auch gemeinsam die Utensilien gekauft werden, die auf der Liste der Klassenlehrerin aufgeführt sind. Nicht zuletzt braucht das angehende Schulkind auch einen hellen, ergonomisch passenden und ordentlichen "Arbeitsplatz", an dem es in Zukunft seine Hausaufgaben erledigen und lernen kann.

Und wenn der große Tag gekommen ist?

Schlicht Am ersten Schultag und in der Folge vor jedem Schultag sollten Eltern für einen guten Start in den Tag sorgen. Dieser erfolgreiche Start in den Tag beginnt bereits am Vorabend. Das Kind sollte rechtzeitig zu Bett gehen, so dass es am nächsten Morgen ausgeschlafen ist. Ein festes Abendritual mit einem positiven Feedback des Tages, vielleicht einer Geschichte, hilft dem Kind, den Tag positiv abzuschließen und gut in einen erholsamen, für die Entwicklung und das Lernen wichtigen Schlaf zu finden.

Wie nehmen Eltern ihrem Kind die Angst vor dem ersten Schultag?

Schlicht Freundliches und liebevolles Wecken sorgen für gute Stimmung, wichtig ist es, ausreichend Zeit für ein gemeinsames Frühstück einzuplanen. Auch beim morgendlichen Ablauf sorgt eine immer gleiche Routine für Sicherheit. Eltern sollten auch genügend Zeit einplanen, um ein gesundes Pausenbrot vorzubereiten. Dieses sollte aus einem zuckerfreien Getränk, einer Vollkornkomponente, Obst und Gemüse sowie einem Milchprodukt bestehen. Aufgepeppt werden können Pausenbrote durch Salatblätter, Paprikastreifen, klein geschnittene Möhren oder Äpfel, Kirschtomaten... Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Und dazu eine süße Kleinigkeit?

Schlicht Zucker und vorwiegend fetthaltige Lebensmittel gehören nicht in das Pausenbrot. Sie sättigen nur kurz, haben dafür viele Kalorien und wenig Nährstoffe, die für eine gute Konzentration wichtig sind.

Wie können Eltern ihrem Kind die Anfangszeit in der Schule so angenehm wie möglich machen?

Schlicht Die erste Zeit in der Schule ist neu, ungewohnt und aufregend, vielleicht auch nicht so einfach zu bewältigen. Es gibt täglich neue Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Eltern sollten ihrem Kind die Möglichkeit bieten, über seine Erlebnisse zu sprechen, sollten nachfragen und Interesse zeigen, ohne zu bedrängen.

Wie gehen Eltern denn da am besten vor?

Schlicht Sie sollten als Ansprechpartner da sein und sich genügend Zeit für einen Austausch nehmen. Eltern sollten ihrem Kind bei Schwierigkeiten unterstützend zur Seite stehen, aber gleichzeitig versuchen, nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Erfolgreich selbst gelöste Schwierigkeiten sind eine wichtige Ressource für das ganze Leben.

Und wenn es nicht direkt so läuft, wie das Kind oder die Eltern sich den Schulstart gewünscht haben?

Schlicht Es kann sein, dass es in der Schule zu ersten Misserfolgen kommt. Andere lernen vielleicht schneller, ein bestimmter Buchstabe lässt sich einfach nicht schreiben, vielleicht kommt auch die erste schlechte Note. Hier ist es besonders wichtig, das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken, die Lust am Lernen zu erhalten und Mut zu machen.

Das klingt ja alles gut, nur: Wie gelingt das?

Schlicht Das gelingt, indem sich Eltern mit ihrem Kind zusammensetzen und schauen, was alles schon gut klappt und was es schon alles gelernt hat. Sowohl in der Schule als auch vorher. Wie viel es jetzt schon kann. Dann ist es Zeit, sich an die noch schwierigen Lerninhalte zu wagen: gemeinsam analysieren, wo es hakt und wie es besser klappen könnte. Wichtig ist auch, dem Kind zu vermitteln, dass es geliebt wird, unabhängig von den Schulleistungen oder Schulnoten. Es braucht Unterstützung, um auch bei Misserfolgen oder nicht direkt sichtbaren Erfolgen durchzuhalten und sich dann umso mehr über das wohl verdiente Erfolgserlebnis zu freuen.

Wie sollte der Tag des Kindes optimal gestaltet werden, so dass es nicht überfordert ist?

Schlicht Neben dem schon beschriebenen erfolgreichen Start in den Tag möchte auch der restliche Tag gut gestaltet werden. Kinder erleben vieles an einem Schulvormittag und brauchen ausreichend Zeit, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Für die Hausaufgaben sollte ausreichend Zeit eingeplant werden, genauso wie für ein Mittagessen und eine Erholungsphase. Falls das Kind an der Nachmittagsbetreuung teilnimmt, sollte im Anschluss an die Betreuung eine freie Phase folgen um Zeit für die Verarbeitung zu bieten. Nach der Fertigstellung der Hausaufgaben oder dem Lernen brauchen Kinder Zeit zum Abschalten.

Wie viel Freizeit ist wichtig für das Kind?

Schlicht Auch am Wochenende sollte Zeit zum Spielen, Toben oder allgemein für kindgerechte Beschäftigung sein. Neben Schule und eventuellen festen Terminen wie Sportverein, Musikschule oder ähnlichem sollte genügend unverplante Zeit bleiben. Kinder brauchen Zeit für freies Spiel und müssen auch lernen, Langeweile mit eigenen Ideen und eigener Initiative zu füllen. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder nach dem Vormittag in der Schule, in der sie lange sitzen mussten, viel Bewegung brauchen. Eltern können aktiv Bewegungsmöglichkeiten schaffen, gemeinsam einen Spielplatz oder Bolzplatz aufsuchen, das Spielen draußen fördern oder Ihr Kind in einem Sportverein anmelden.

Aber neben ausreichend freier Zeit ist auch eine feste Struktur wichtig, oder?

Schlicht Eine feste Struktur im Tagesverlauf schafft Überschaubarkeit und vermittelt Sicherheit. Neben dem festen Abend- und Morgenritual ist ein regelmäßig gleicher Ablauf die Hausaufgaben und Lernzeit sowie das Packen des Schulranzens für den nächsten Tag sinnvoll.

Wie sehr sollen Eltern bei den Hausaufgaben helfen?

Schlicht Die Erledigung der Hausaufgaben ist der Job des Kindes. Bei Schwierigkeiten können Eltern unterstützend zur Seite stehen. Das Packen des Ranzens übernehmen sie zunächst mit ihrem Kind zusammen. Nach und nach kann das Kind diese Aufgabe dann selbstständig übernehmen, wofür es natürlich gelobt wird.

Was können Eltern tun, wenn sie ein schüchternes Kind haben, das nicht so recht Anschluss finden mag?

Schlicht Man kann die Klassenlehrerin ins Boot holen, weil die vor Ort sehr gut Spielsituationen schaffen können. Oder Eltern können aktiv auf andere Eltern zugehen und für Nachmittags Termine zum Spielen ausmachen.

Lassen sich Kinder darauf ein?

Schlicht Wenn die Kinder einander nicht total doof finden, dann ja. Aber deswegen sollten Eltern vorher mit ihren Kindern sprechen und sie fragen, wenn findest du sympathisch, mit wem möchtest du gerne mal spielen. Auch da kann die Klassenlehrerin helfen, da diese ja nach kurzer Zeit schon relativ gut einschätzen kann, wer aus der Klasse zu meinem Kind passen könnte und wer da in Frage käme. Man sein Kind auch mit Rollenspielen vorbereiten, damit es sich sicherer fühlt.

Wie reagieren Eltern am besten, wenn das Kind gemobbt wird?

Schlicht Da einzugreifen ist Sache der Schule. Aber auch hier hilft, mit dem Kind und den Lehrern und auch den Eltern der anderen Kinder zu sprechen, wenn der Verdacht entsteht. Es gibt gute Konzepte gegen Mobbing. Wenn die Schule damit überfordert ist, können sich Eltern auch gern an uns, also den Schulpsychologischen Dienst, wenden.

Zum guten Schluss: Welchen besonderen Tipp haben Sie für Eltern?

Schlicht Jetzt haben wir schon vieles thematisiert, was einen guten Start in die Zeit des Schulkind-Seins unterstützen kann. Nicht zuletzt ist es für den Schulstart wichtig, dass Eltern und Kindern mit einer positiven Haltung in diese neue Phase des Lebens starten. Auch wenn die Erinnerung an die eigene Schulzeit eher negativ ist, sollten Eltern überlegen, was ihnen an der Schule gefallen hat und von den schönen Aspekten der Schule berichten. So können sie ihrem Kind zuliebe dazu beitragen, dass die anfängliche Euphorie möglichst lange erhalten bleibt.

CAROLIN SKIBA FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Claudia Schlicht: Dem Kind helfen, die Euphorie zu erhalten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.