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Meerbusch
Der große Meerbuscher Karnevalsgipfel - ein Gespräch über Herz, Humor und Heimat

Meerbusch: Der große Meerbuscher Karnevalsgipfel - ein Gespräch über Herz, Humor und Heimat
Norbert Hermanns, Michael Schweers, Stefan Bender, Michael Berning (v. l.) im Gespräch mit RP-Redakteur Sebastian Peters (r.). FOTO: Ulli Dackweiler
Meerbusch. Im großen Interview zum Karnevalswochenende sprechen wir mit Pfarrer Michael Berning, Heinzelmännchen-Ehrenpräsident Stefan Bender, dem Düsseldorfer Ex-Prinzen Michael Schweers aus Meerbusch und Norbert Hermanns, Geschäftsführer der KG Fettnäppke, von höherer Warte über das Phänomen Karneval.

Meine Herren, Sie sind alle langjährige Karnevalisten, können also die Entwicklung des Karnevals auf längerer Strecke betrachten? Sehen Sie Veränderungen?

Michael Schweers Es ist meiner Meinung nach mehr Sittsamkeit und Niveau in den Karneval eingezogen. Die typische zotige Herrensitzung, wie es sie früher gab, gibt es heute nicht mehr. Eine wesentliche Veränderung ist aber auch, dass es weniger Mundart-Sprechbeiträge gibt, und dafür mehr Party.

Pfarrer Michael Berning Es ändert sich gesellschaftlich was bei den Sitzungen. Es werden mehr Künstler eingekauft, alles wird kommerzialisierter. Ein Problem ist dabei sicherlich, dass wir Büttenreden das ganze Jahr über in Kabarettsendungen sehen, überflutet sind.

Böse Frage, ich stelle sie provokativ in die Runde: Wie viel Humor haben Karnevalisten, können Sie auch über sich selbst lachen? Und wie viel Bier benötigen Sie dafür vorher?

Norbert Hermanns Ich denke, es ist unfair, diese Frage so zu stellen. Natürlich gehört zum Karneval auch viel Organisation, da muss man nüchtern bleiben. Man kann ja nicht erst 30 Bier trinken und dann noch die Bürgermeisterin begrüßen. Die, die aktiv eine solche Sitzung gestalten, lachen natürlich nicht den ganzen Abend. Die sind während der Sitzung voll im Stress. Wenn wir als Gesellschaft aber zusammen draußen sind, auf anderen Veranstaltungen, dann lachen wir sehr viel mehr.

Schweers Aufgabe der Karnevalisten ist es nicht, Witze zu machen, sondern Fröhlichkeit herzustellen.

Berning Und ich sage: Jeder nimmt seinen Charakter mit in den Karneval und jeder hat mal einen schlechten Tag. Man erlebt aber sicherlich den einen oder anderen Karnevalskameraden, der eher aus geschäftlichem Interesse dabei ist. Ich habe da einen, der saß im Elferrat, war von Beruf Bestatter. Und alle wussten: Der ist nur da drin, damit er Leichen kriegt. Der hat nie gelacht.

Herr Pfarrer, täusche ich mich, oder gehen das Brauchtum Karneval und die Kirche in vergangenen Jahren eine offensivere Allianz ein? Sie als Pfarrer sind im Karneval präsent, sie feiern jetzt wieder einen karnevalistischen Gottesdienst.

Berning Wir als katholische Kirche sind im Karneval ja schon lange dabei, quasi Urheber der Veranstaltung. Wegen uns gibt es den Karneval erst - der 11. 11. ist der Martinstag, damals wurde der Lohn ausgezahlt. Sofort sind die Menschen hin und haben ihn, ich sage mal, verjückelt, das war ein großer Feiertag. Ganz ähnlich vor dem Aschermittwoch, da beginnt die österliche Bußzeit, die Fastenzeit. Da haben die Menschen auch am letzten Wochenende davor noch einmal richtig Rabatz gemacht. Karneval ist lateinisch, heißt Abschied vom Fleisch. Carne vale. Wir feiern nicht zuletzt aus diesem Grund auch den karnevalistischen Gottesdienst, um den Zusammenhang darzustellen. Ich glaube, die Kirche kann schon zum Niveau beitragen. Eine reine Besäufnisorgie würde den eigentlichen Sinn verfehlen.

Stefan Bender Wir Karnevalisten werden leider alle in einen Sack getan: Saufen, Brüllen. Das stimmt nicht. Ich kann immer wieder sagen: Was wir an sozialen Dingen leisten, da wird nie wieder drüber gesprochen.

Haben Sie Beispiele?

Bender Wir Heinzelmännchen machen zum Beispiel jedes Jahr zwei Sitzungen in Altenheimen. Ich war zehnmal als Präsident dabei und ich weiß, wie glücklich wir die Menschen dort machen. Ein Erlebnis vergesse ich nie: Ich erinnere mich immer wieder daran, wie, während wir unten feierten, oben eine Frau saß, die ihren 90. Geburtstag hatte und im schwarzen Festkleid im Rollstuhl auf ihre Familie wartete. Obwohl alle im Umkreis wohnten, kam keiner. Sie weinte den ganzen Nachmittag. Sie kam dann runter in den Saal. Wir sagten: ,Marianne, wir sind heute alle nur für Dich da.' Ich habe ihr einen Orden überreicht. Die Venezia aus Neuss hat ihr am Ende noch einen Blumenstrauß gegeben, den sie bei der Sitzung vorher bekommen hatte. Die alte Dame hat nachher zu uns gesagt, dass es der schönste Geburtstag gewesen sei, den sie je erlebt hat. Da dachte ich: Wie schön ist es, Karnevalist zu sein.

Schweers Ich bin als Düsseldorfer Prinz viel herumgekommen. Das Feinfühlige, was man in den Kirchengemeinden findet, das ist herzlicher, schöner Gemeinschaftskarneval, bei dem die Leute wirklich Freude haben und die Gemeinschaft erleben können.

Herr Hermanns, Sie machen in Osterath Karneval, was unterscheidet Ihren Karneval von Büderich?

Hermanns Wir erleben eine ganz andere Art von Karneval. Wir sind ohne Wagen, unsere beiden Sitzungen sind unser Höhepunkt. Wir haben vorher und nachher mit unseren Gruppen Auftritte, ziehen um die Dörfer, sind in Strümp, Bösinghoven, Nierst, in den Zelten. Meiner Meinung nach erleben wir in Meerbusch derzeit einen großen Wandel. Mancherorts fällt die Karnevalssitzung ganz weg, wobei wir zweifellos ein Überangebot hatten. Wir hatten gefühlte 20 Karnevalssitzungen innerhalb von drei Wochen. Die Sitzungen fallen also entweder aus oder werden kleiner. Das erleben wir seit 15 Jahren, mit Rauf und Runter. Bösinghoven fällt aus, Nierst wird kleiner.

Kann man also sagen, dass Meerbusch karnevalistisch gespalten ist, auf der einen Seite das an Düsseldorf angebundene Büderich, auf der anderen Seite ein dörflicher, langsam aussterbender Karneval?

Hermanns Im Schnitt sind es vielerorts im Fünfjahresvergleich 20 bis 30 Prozent weniger Besucher. Früher waren Sitzungen nach zehn Minuten ausverkauft, heute bleiben Plätze frei. Aber ich will nicht jammern: Wir als KG Fettnäppke sind da glücklich: Wir haben 55 Mitglieder, machen alles selber, kaufen keine Nummern von außen. Dafür wird das ganze Jahr geübt, es gibt eine heftige Bindung an die Gesellschaft.

Welche Kraft hat dann der Karneval in Meerbusch, der ja zwangsläufig im Schatten von Düsseldorf steht.

Bender Der Düsseldorfer Karneval ist natürlich ein besonderer: Als Michael Schweers Prinz dort war, da waren wir als Heinzelmännchen mächtig stolz. Keiner passte durch die Tür, so stolz waren wir. Am Rosenmontag standen wir am Rand und er kam und besuchte uns. Die Frauen haben sich auf ihn gestürzt.

Schweers (lacht) Das lag aber daran, dass ich Prinz war, das lag nicht an meiner Person. Im Ernst: Ein großes Problem in Meerbusch ist, dass es keine Säle mehr zum Feiern gibt. Wir weichen in den Henkelsaal nach Düsseldorf aus. Die Verbindung nach Düsseldorf ist ja da, und wir sind froh, dass wir dort eine Alternative haben. Aber ich bin mir sicher, dass wir viel mehr Menschen zum Karneval bewegen könnten, wenn sie nicht extra von Meerbusch aus nach Düsseldorf fahren müssen.

Berning Wo ein Vakuum ist, da entsteht auch immer was. Das beste Beispiel ist das Tonnenrennen in Büderich.

Hermanns Die Tonnengarde hat auch schwere Zeiten hinter sich. Die haben versucht, von auswärts einzukaufen. Ich kann mich erinnern, dass wir als KG Fettnäpke denen eine Starthilfe gegeben haben. Heute ist die Tonnengarde auferstanden wie Phoenix aus der Asche. Es wäre sinnvoll, wenn wir Meerbuscher Karnevalsvereine uns mehr austauschen, weil wir ja auch einen unterschiedlichen Karneval machen. Da sind viele Punkte, wo man Synergieeffekte erzielen kann. Das liegt uns schon länger auf dem Herzen. Vielleicht kann dieses Gespräch Anlass sein, dies zu vertiefen.

Bender Da hast Du recht.

Karneval als Wirtschaftsfaktor, wie sehr treibt Karneval die Wirtschaft an und welche finanziellen Mittel muss ein Karnevalsverein einsetzen?

Schweers Ein Beispiel: Wir waren als Prinzenpaar im Breidenbacher Hof. Der Breidenbacher Hof fährt nach Dubai und London und verkauft dort Düsseldorf. In deren Präsentation ist der Karneval ein elementarer Bestandteil. Wenn einer nach Deutschland kommt, kommt er eben nicht nach Deutschland, sondern nach Hamburg, München, Düsseldorf. Das Europa der Städte wächst zusammen, deshalb müssen wir ein Gesicht kriegen. Auch Meerbusch braucht ein Gesicht, der Karneval ist Teil davon. Da muss ich meine Kultur pflegen, mich dafür einsetzen.

Und wie ist der finanzielle Einsatz, der zu leisten ist als Karnevalsverein?

Schweers Wenn man eine Tanzgarde oder ein Reitercorps ist, dann ist das ein Riesenaufwand. Man muss ganzjährig trainieren, benötigt Kostüme, Säle, Musik, muss dann noch schauen, dass man gebucht wird, darf aber nicht zu viel verlangen, weil man unter Freunden eben auch nichts nimmt. Aber von irgendetwas muss man trotzdem leben. Wo findet man Sponsoren, die dahinter stehen. Es ist keine leichte Aufgabe für einen Verein.

Berning Das eigentliche Kapital lässt sich nicht in Euro festmachen, das sind die Menschen. Das ist ein großer Wert des Karnevals - er führt die Menschen zusammen. Das ist die Gefahr, dass das verloren geht.

Schweers Der sogenannte Lackschuhkarneval ist übrigens für Karnevalsskeptiker gar kein schlechter Einstieg. Karneval an sich ist auch eine Integrationsmaschine.

Wie hat er Sie integrieren können, Pfarrer Berning? Sie sind aus Neuss.

Berning Ich bin sogar in München geboren, das muss ich hier einmal betonen. Aber ich bin weggezogen, bevor Sprachschäden auftreten konnten. Jetzt bin ich bei den Schützen in Neuss aktiv, und dann auch Karnevalist geworden. In meiner Kindheit war ich mehr ein Mensch des Straßenkarnevals. Jetzt mache ich einfach so mit.

Hermanns Ich sag immer: ,Man kann auch lachen lernen', man muss nicht gleich die Stimmungskanone sein. Häufig bekommen wir Aufnahmeanträge auf Bierdeckeln, dann gibt es ein Jahr als Proband, und dann sind sie irgendwann voll drin. So haben wir in den vergangenen Jahren mehr Leute gewonnen als mit denen, die sofort da waren.

Karneval finde ich übrigens auch spannend, weil nach dem Höhepunkt am Rosenmontag und Veilchendienst so schnell alles vorbei ist. Was macht das mit einem psychologisch? Fallen Sie in ein Loch?

Hermanns Der Karneval ist vorbei, aber wir als KG treffen uns ja ganzjährig, das ist ein Trost.

Berning Ich als Kirchenmann muss sagen: Das Leben ist eben zu 97 Prozent Alltag und nur zu drei Prozent Party. Wir probieren immer, das ganze Leben zu einem großen Highlight zu machen. Das haut aber nicht immer hin. Von daher plädiere ich dafür, das zu feiern, was da ist, sich dann auf den Alltag zu stürzen und zu wissen: Et kütt ja wieder.

Schweers Ich gehöre zu denen, die ganzjährig Karneval feiern könnten. Deshalb bin ich auch in den Vorstand gegangen. Da hat man ganzjährig Karnevalisten um sich.

Zum Abschluss: Wer hat einen Karnevalslieblingswitz?

Bender Ich habe einen: Treffen sich ein Dortmunder, ein Kölner und ein Düsseldorfer in der Kneipe. Kommt der Wirt und fragt den Dortmunder: Was wollen Sie trinken? Der Dortmunder sagt: ,Ich hätte gerne ein Dortmunder Pils'. Der Kölner sagt: ,Ich bekomme ein Kölsch.' Sagt der Düsseldorfer am Ende: ,Ich hätte gerne eine Limonade.' Der Wirt ist erstaunt: ,Wie, Sie trinken Limonade?' Sagt der Düsseldorfer: ,Ja, wenn die anderen kein Bier trinken, dann will ich auch keines.'

SEBASTIAN PETERS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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