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Meerbusch
Der Weg durch die Stille

Meerbusch. Dieter Niederer (37) aus Völkersweiler in Rheinland-Pfalz hat mit seiner Kurzgeschichte den Meerbuscher Literaturpreis im Bereich Prosa gewonnen. Wir dokumentieren seinen Text auf dieser Seite.

Es ist fast 1 Uhr. Ein sonniger Frühsommertag ist in eine ruhige, laue Nacht übergegangen. Die Tür zum Garten ist angelehnt, ein Windstoß streift durch die Gardine, bringt das Teelicht in der Duftlampe zum Flackern. Ein Hauch von Neroli und Rose weht herüber. Ein Duft, der dir die letzten Wochen so sehr gefallen hat. Neroli, der Sage nach das Öl der Prinzessin von Nerola, welches die Sonne des Südens enthalten soll. Das Öl, dessen Duft dich an viele Urlaube mit deinem Mann im Süden Frankreichs erinnert hat. Glückliche Zeiten. Der Duft der Rose, dem Symbol der Liebe und die Erinnerung an deinen Mann, für den viele Jahre die Rosenzucht eine Leidenschaft war. Den Mann, der dir alljährlich die erste blühende Rose auf den Frühstückstisch stellte. Den Mann, der dir vor 12 Jahren vorausging auf die größte Reise unseres Seins - und dem zu folgen du dich aufgemacht gemacht hast. In dieser Nacht.

Alle schlafen. Aus den offenen Türen der anderen Zimmer ist nichts zu hören. Lediglich hier und da ein Seufzen, mal ein Rascheln der Decke. Du hast Dich auf den Weg gemacht, wie so viele hier vor dir.

Viel haben wir in den letzten Wochen darüber gesprochen. Über deine Einsamkeit in den letzten Jahren, als der Mann an deiner Seite fehlte. Über die Traurigkeit, dass es dir nicht vergönnt war, eigene Kinder zu haben. Den Schock der Diagnose, der dich regelrecht lähmte. Die Frage, ob du die Kraft hast, eine Therapie durchzustehen. Über all das, was du an Schmerzen und Beschwerden aushalten musstest. Und über die große Angst vor dem Sterben. Das Gefühl, dass jetzt alles besiegelt ist, als beim letzten Aufenthalt im Krankenhaus die Ärzte dir eröffneten, dass sie dich in einem Hospiz gut aufgehoben sehen würden. Weil therapeutisch nichts mehr machbar sei. Deine Hand liegt auf meiner geöffneten Hand, damit du bestimmen kannst, wenn du sie loslassen willst. Ich wische dir mit dem feuchten Tuch über die Stirn, den Schweiß weg. Es ist ruhig heute Nacht, ich bin froh, dass ich bei dir sitzen kann. Wieder ein Hauch des Rosenduftes, der herüber weht. Ich hoffe, du nimmst ihn wahr. Die kleine orangefarbene Lampe auf dem Regal wirft ein warmes Licht in den Raum. Von der Straße klingt ein Lachen herüber. Lachen, Freude. Das erinnert mich an letzte Woche. Du warst schon schwächer und hast gefragt: "Meinen Sie, dass ich eine Zigarette rauchen könnte?" "Klar!", sagte ich. "Wir haben doch eine tolle Liege, mit der kommen wir überall hin!" "Aber das Stehen geht nicht mehr...!" "Macht nix! Aber verraten Sie meine Transfermethode nicht!" Vorsichtig nahm ich dich auf meine Arme und rüber ging es in die Liege. "Ich war schon mal schwerer!", sagtest du mir. Und hast dabei gelächelt.

Auf der Terrasse hast du eine Zigarette geraucht, mit zittrigen Händen. Die Sonne schien warm, nebenan im Altersheim saß eine Bewohnerin auf der Terrasse, sie hatte Besuch von ihren Kindern und Enkeln. Die Kleinen lachten und tollten umher. Mit leuchtenden Augen hast du das lustige Treiben verfolgt. "Die haben ihr Leben noch vor sich." Dein Blick richtete sich auf den strahlend blauen Himmel. Sehnsucht glaubte ich darin lesen zu können. Du schautest mich beobachtend an: "Was meinen Sie? Kommt hinterher etwas, oder ist dann einfach nur Dunkelheit und Nichts?" Mir ist bewusst, was du meinst. "Ich glaube schon daran, dass wir weiterleben. Und Sie?", antworte ich. "Ich bin mir manchmal nicht sicher. Aber tief im Innern glaube ich es eigentlich schon. Ich bin gespannt, wie es weitergehen wird." Einmal mehr wurde mir deutlich, wie nah alles beisammen liegt - die impulsive Freude des Lebens im Hier und Jetzt und das stumme Nachdenken darüber, wohin unser Weg uns führen wird.

Mit einem Swab-Stäbchen streiche ich dir vorsichtig über die Lippen und in die Wangentasche. Vorher habe ich es in die Tasse mit dem Espresso getaucht. Espresso und Cola sind in den letzten Wochen deine liebsten Getränke gewesen. Manchmal nur zwei, drei winzige Schlückchen. In den letzten Tagen, als dir das Sprechen schon schwer fiel, war es oft nur dein Blick, der uns zeigte, was du gerne möchtest. Wie so oft waren es nur die Kleinigkeiten, welche dir anscheinend gut taten. Mal ein feuchtes Tuch auf der Stirn, kalte Cola im Sprühfläschchen für den Mund. Und unsere Hand, die deine Hand hielt. Deine Hand, die unsere Hand umgriffen hielt. So saßen wir abwechselnd bei dir. Worte brauchte es oft nicht, einfach nur das Da-Sein. Dein Blick auf uns oder das Fenster gerichtet. Das Fenster, das den Blick auf die Geranien und den Himmel dahinter freigab. Die Weite suchend und findend. Und immer unsere Hand fest umgriffen, jetzt nur noch darin ruhend.

Mein Gedanke geht zurück an den Nachmittag vor fast vier Wochen, als du zu uns kamst. War es Ängstlichkeit, vielleicht sogar Furcht, die in dein Gesicht geschrieben stand?

Bei der Sanitäterin untergehakt folgtest du Simone und mir in dein Zimmer. Den Blick geradeaus, nicht nach rechts oder links schauend. Die erste Woche brauchtest du, um bei uns anzukommen. Aber mit den Tagen veränderte sich dein Gesicht, die Furcht wich mehr und mehr einer Gelassenheit, manchmal einer dezenten Heiterkeit.

Tage später, ich wechselte gerade die Port-Kanüle, kamst du darauf zu sprechen: "Als ich wusste, dass ich sterben muss, hatte ich schreckliche Angst. Nicht vor dem Tod an sich, sondern davor, wie mein Weg dahin sein wird." Du hast von der großen Angst erzählt, am Ende deines Lebens deine Selbstbestimmung und Würde genommen zu bekommen. Von der Furcht, dass du Menschen um dich haben wirst, die es nicht gut mit dir meinen, denen du gleichgültig bist. Du hast von den Überlegungen erzählt, deshalb in der Schweiz den Ausweg zu suchen. Und von der Erleichterung gesprochen, es nicht getan zu haben und stattdessen jetzt hier, bei uns, zu sein. "Würden mehr Menschen wissen, dass man in einem Hospiz nicht nur sterben wird, sondern nochmal intensiv leben darf, würden sich hoffentlich weniger Menschen für die letzte Reise in die Schweiz entscheiden!" Deine Worte, meine Gedanken.

Ich sitze an deiner Seite, achte auf deinen Atem. Er wird tiefer, langsamer. Mit meinem Daumen streiche ich über deinen Handrücken. Deinen Puls spüre ich ganz leicht, unregelmäßig. Mein Blick fällt auf das Bild deines Mannes. Oft hast Du uns von ihm erzählt, von den vielen schönen Momenten eurer gemeinsamen Zeit. Von dem Versprechen, das ihr euch gegenseitig gegeben habt. Dass derjenige, der vorausgeht, dem anderen entgegenkommen wird. Ich wünsche dir, dass der vertraute Duft der Rosen tief in deinem Inneren die schönsten Momente deines Lebens an dir vorüberziehen lässt.

Du bist jetzt auf der letzten Etappe deines irdischen Lebens. Eines Lebens, von dem du gesagt hast, dass es erfüllend für dich war. Eines Lebens, in dessen Verlauf du dich meistens auf der Sonnenseite gesehen hast. Wir hier fragen uns oft, was werden wir einst rückblickend über unser Leben sagen können? Wird unser Rückblick auch von Dankbarkeit und Glück geprägt sein? Werden wir unseren letzten Begleitern etwas hinterlassen können? Während mein Blick auf deinem Gesicht ruht, erinnere ich mich an eine Begebenheit in der vorletzten Woche. Wir hatten uns von einem Gast verabschiedet, mit dem du nachmittags öfters auf der Terrasse unter dem Sonnenschirm saßest, wenn ihr euch beide dementsprechend gut gefühlt hattet. Es war dein Wunsch, an der Aussegnungsfeier in seinem Zimmer dabei zu sein. Ein letztes "Ade!", wie du meintest. Auf dem Tisch lag unser Gästebuch, in dem wir den Namen jeden Gastes festhalten und den Angehörigen die Möglichkeit geben, die Seite zu gestalten. Gerührt schautest du auf die Seite, auf dem neben dem Namen auch das Geburts- und das Sterbedatum geschrieben standen. Du hast durch die Seiten geblättert und gesagt: "Keiner wird hier vergessen!"

Abends sagtest du, es habe dich so sehr berührt, als wir deinem "Herrn Zimmernachbar", wie du ihn immer nanntest, am Bett eine "Gute Reise" gewünscht hatten. Mit einer Reise würdest du so viel Schönes verbinden. Die Vorfreude auf Neues und nichts, wovor man Angst haben müsse. Und du fragtest, ob du zwei Wünsche äußern dürftest für deine eigene letzte Reise.

Eine Rose, wie sie vor den Fenstern zu Garten blühen, so eine hättest du gerne für deinen letzten Weg. Und eine Widmung würdest du uns gerne hinterlassen. "Weil ich ja keinen nahen Verwandten mehr habe, der auf meiner Seite in eurem Gästebuch etwas schreiben könnte."

Zwei Wünsche, die wir gerne erfüllen. Das Buch haben wir am nächsten Tag auf den Tisch in deinem Zimmer gelegt. "Lassen Sie sich Zeit dafür!", was du mit einem Nicken quittiert hast. Am Abend hattest du das Buch schon wieder an seinen Platz gestellt, neben der großen Kerze, die immer brennt, wenn uns jemand verlassen hat.

Ein Windhauch bringt die Flamme der Kerze zum Knistern. Deine Hand liegt schlaff in meiner, die Pausen zwischen deinen Atemzügen werden länger. Dein letzter Atemzug, dem kein weiterer mehr folgt. Du hast deine letzte große Reise angetreten.

Nahe komme ich mit meinem Mund an dein Kissen und flüstere dir meinen letzten Wunsch ins Ohr: "Eine gute Reise." Und ich wünsche dir, dass dein Mann dich abgeholt hat zu dem großen Schritt von dieser Welt in die Ewigkeit.

Das letzte Mal gewaschen, trägst du jetzt deine weiße Hose und die fliederfarbene Bluse. Im Garten habe ich einige rote Rosen abgeschnitten, die auf deiner Decke liegen. Deine Finger umgreifen das Stofftaschentuch deines Mannes, das du immer in Reichweite hattest.

Neben der Kerze liegt jetzt das Gästebuch. Ich schlage es auf, um deinen Namen einzutragen. Mein Blick fällt auf deinen Eintrag, den du vor ein paar Tagen in deiner etwas zittrigen Schrift verfasst hast: "Danke für alles! Ich wünsche euch ein schönes Leben!"

Ich schaue dich an, deine Gesichtszüge sind entspannt, befreit. Das flackernde Teelicht lässt mich kurz glauben, dein linkes Auge würde zwinkern. Mir zuzwinkern.

Ich schiebe die Gardine zurück und öffne weit den Flügel der Türe. Es ist Nacht, Dunkelheit umhüllt uns und doch werden wir überstrahlt von den Sternen. Und was bleibt ist Stille. Stille und Frieden.

Einmal mehr wird mir deutlich: die großen Momente des Lebens bedürfen oft keiner Worte, sondern geschehen in der Stille. Auch heute Nacht war es die Stille, in der sich die Tür von der einen in die andere Welt öffnete.

Quelle: RP
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