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Meerbusch
Die 100-Jährigen kommen

Die 100-Jährigen in Meerbusch kommen
Im Hintergrund die Bilder der beiden Urenkel: Johanna Rockstroh ist eine von mehr als 3500 Meerbuschern, die älter als 80 Jahre sind. Aktuell liegt der Anteil der Über-80-Jährigen in der Stadt in Grünen bei gut sechs Prozent. In 35 Jahren soll er doppelt so hoch sein. FOTO: Ulli Dackweiler
Meerbusch. Gestern feierte Johanna Rockstroh in Osterath ihren 103. Geburtstag. Sie gehört der einzigen Bevölkerungsgruppe an, die stetig wächst: Die Zahl der Über-80-Jährigen steigt in Meerbusch jedes Jahr um gut 100 Frauen und Männer an. Von Martin Röse und Viktoria Spinrad

Als Johanna Rockstroh geboren wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen noch bei nicht ganz 51 Jahren. Das war im Jahr 1912. Deutschland war eine Monarchie, Kaiser Wilhelm II. regierte; die Nachricht vom Untergang der Titanic war wenige Wochen zuvor auch ins ostpreußische Königsberg gespült worden, wo ihre Eltern eine Landwirtschaft betrieben. Ein gewisser Gerhart Hauptmann erhielt in jenem Jahr den Nobelpreis für Literatur.

In der Bevölkerungsstatistik der Stadt Meerbusch wird Johanna Rockstroh heute bei den 3542 Menschen geführt, die älter als 80 Jahre sind. Die Über-80-Jährigen sind die einzige Bevölkerungsgruppe in Meerbusch, die sich stetig vergrößert, weil die Lebenserwartung immer weiter ansteigt: Seit 1840 klettert sie in Deutschland nahezu konstant um drei Monate pro Jahr. Das liegt vor allem an zwei Errungenschaften des 20. Jahrhunderts: Kühlschrank und Antibiotika.

Wo üblicherweise ältere Menschen Fotos ihrer Enkel aufhängen, sind in dem Zimmer von Johanna Rockstroh im Hildegundisheim ihre Urenkel zu sehen. "Die sind jetzt auch schon 20 und 24 Jahre alt", sagt sie. Zwei Enkel hat die 103-Jährige. Und zwei eigene Kinder. Sie wuchs noch mit fünf Geschwistern auf - zwei Schwestern, drei Brüdern. "Ich war die Viertjüngste."

Heute ist sie das letzte der sechs Kinder. Freunde, Weggefährten - sie alle sind nicht mehr da. "Man darf da gar nicht drüber nachdenken", sagt die 103-Jährige. "Trotz zahlreicher kognitiver und funktionaler Beeinträchtigungen sehen die meisten Hundertjährigen ihr Leben sehr positiv", heißt es in der "Heidelberger Hundertjährigen-Studie". "86 Prozent wollen das Beste aus ihrem Leben machen, und für 75 Prozent hat das Leben mit 100 Jahren einen Sinn."

Mit 100 lebte Johanna Rockstroh noch in ihrem Zuhause; seit einem Beinbruch ist sie auf den Rollstuhl angewiesen und im Heim. Ihre Tochter, 76 Jahre alt, kommt sie zweimal pro Woche besuchen. Ihr Sohn ist kürzlich ins selbe Pflegeheim gezogen. Er ist 80 Jahre alt - und steht nächstes Jahr in derselben Spalte der Tabelle der Meerbuscher Bevölkerungsstatistik wie seine Mutter. Diese Spalte wird immer breiter. 1950 lag der Anteil der Über-80-Jährigen in Deutschland bei einem Prozent. Heute liegt er bei rund fünf Prozent. In Meerbusch sind es bereits mehr als sechs Prozent. In fünf Jahren soll der Anteil deutschlandweit laut einer Statistik des Demografie-Portals der Länder und des Bundes bei sieben Prozent liegen. In der Mitte dieses Jahrhunderts, in gerade einmal 35 Jahren, werden es laut der Prognose bereits 13 Prozent sein. Jeder Achte ist dann über 80 Jahre alt. Wenige Monate nach dem sechsten Geburtstag von Johanna Rock-stroh zerfiel das Kaiserreich. Die Republik wurde ausgerufen. Als die Nazis an die Macht kamen, war sie 20 Jahre alt. Sie verliebte sich, heiratete, bekam zwei Kinder, verlor ihren jüngsten Bruder ("Er ist in Stalingrad gefallen") - und ihren Mann. Die Russen steckten den gelernten Bäcker ins Gefängnis, weil er Brot geschmuggelt hatte. Das erfuhr Johanna Rockstroh erst später, als ein Mithäftling sie in Osterath besuchte. Sie flüchtete, der Ehemann vermisst, mit dem zehnjährigen Sohn und der siebenjährigen Tochter an der Hand, wie so viele übers zugefrorene Haff. "Ich kann heute noch die Stalinorgel hören", sagt sie. Bitterkalt sei es gewesen, der Hunger war groß. Zwei Millionen Menschen kamen auf der Flucht ums Leben. Johanna Rockstroh sagt: "Viele Menschen heute wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht, dass sie zu essen und ein Dach über dem Kopf haben." Dass auch heute Menschen fliehen, geht ihr sehr nahe. "Ich kenne das - und kann nicht verstehen, wie kaltherzig viele reagieren."

Bürgermeister Jürgen Eimer kommt an ihrem Ehrentag vorbei, überreicht Grüße und Blumen. Im Stadtrat werden sie bald übers Stadtentwicklungskonzept sprechen, wie sich Meerbusch fit für die Zukunft macht. Klar ist: Meerbuschs Zukunft sieht - auch - alt aus. In 35 Jahren werden doppelt so viele über 80-Jährige unterwegs sein wie heute. Darauf muss sich die Stadt einstellen. Da können barrierefreie Haltestellen nur ein Anfang sein.

Johanna Rockstrohs Sohn ist als Ingenieur in der Welt herumgekommen. Als sie ins Rentenalter kam, damals in den 1970er Jahren, wollte er mit ihr verreisen. Nach Königsberg oder nach Mallorca? Johanna Rockstroh flog in den Süden. Aber ein Foto ihrer Heimatstadt hängt bei ihr im Zimmer.

Quelle: RP
 
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