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Meerbusch
Die Zwiebelgrenze trennt Meerbusch

Meerbusch: Die Zwiebelgrenze trennt Meerbusch
Hans Spennes ist der Experte fürs Plattdeutsche. Platt ist seine Muttersprache, mit der er groß geworden ist. FOTO: Christoph Reichwein/Grafik: Martin Röse
Meerbusch. Der Veranstalter der Büdericher Mundartkreise Hans Spennes spricht über sprachliche Grenzen, über den Stellenwert des Börker Platt und dessen eigentümliche Schreibweise - und über seine Kindheitserinnerungen ans Plattdeutsche Von Maike Billen

Pünktlich um 12 Uhr musste Familie Spennes zum Essen erscheinen. "Es wött jejäte op jekohkt of net", mahnte Oma Spennes. So kam es vor, dass alle am Tisch saßen, die Kartoffeln aber noch nicht gar waren. Derweil wurde gebetet, erst für das Essen, nach fünf Minuten für die im Ersten Weltkrieg, nach zehn Minuten für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Verwandten. Gebetet wurde auf Hochdeutsch, sonst sprach man nur Mundart im Haushalt. "Platt war meine Muttersprache", sagt Hans Spennes. Heute leitet der 74-Jährige die Mundartkreise in "Grotenburg's Börker Brauhaus". Spennes ist sozusagen Experte vom Börker, also Büdericher, Platt geworden - der Sprache seiner Heimat.

Bücher wie "Dä Die Dat", "Die Krefeldigkeit" und "Das Evangelium auf Kölsch" zwängen sich im Regal. Spennes lädt in sein Arbeitszimmer und erinnert an alte Sprüche. "Esch hann Honger", quengelte er als Bursche. "Leck Salt, dann kresse och noch Doosch", war die Antwort. Chaotisch wirkt die Schreibweise, schroff und ungebildet klingt Platt für die einen. Ehrlich, familiär und prägnant für die anderen. Jeder Dialekt, und damit Regionen, Städte und sogar Stadtteile beanspruchen für sich sprachliche Eigenständigkeit.

Grob sind die sprachlichen Grenzen so: Meerbusch liegt im zentralen Rheinland zwischen der Uerdinger und Benrather Linie, davon zu trennen Niederrhein, Ruhrgebiet, Bergisches Land und südliches Rheinland. In Meerbusch selbst gebe es die - eher niedrige - "Zwiebelgrenze" am Strümper Wald, so Spennes: "Diese ist fast identisch mit der Diözesangrenze. In Büderich sagt man für Zwiebel Ölk und in Lank Look." Weitere Wörter unterscheiden sich.

Wie geht es der Mundart in Büderich? Spennes wird nachdenklich: "Die Zukunft sieht nicht rosig aus." Er schätzt, dass 20 Prozent der Menschen Platt sprechen, vor allem Ältere: "Mundart ist wie ein Kulturgut, das es zu pflegen gilt. Am besten lernt man Börker Platt im Umgang mit denjenigen, die es beherrschen." Auch die Volkshochschule könnte Kurse anbieten. Nur mangele es an Einstiegsliteratur. Dass aber die Dialekte irgendwann als Sprache der Bildungsfernen und sozial Schwachen galten, musste auch Spennes erfahren: "In der Schule durfte ich nie vorlesen." Mitschüler hätten sich die seltsame Aussprache aneignen können. "Weil Eltern Nachteile für ihre Kinder fürchteten, wurde die Mundart ab 1960 stark verdrängt", sagt Spennes. Die preußische Kulturpolitik im 19. Jahrhundert und größere Migrationsströme hätten den Rückgang bereits zuvor gefördert.

Mundart scheint teils diffus und bequem. Ein wenig Systematik, keine standardisierte Rechtschreibung. "Was der Rheinländer nicht über die Zunge bekommt, verschluckt er", so Spennes. Verben verlieren hinten das "n". Dass und das heißt "dat". Lieber "j" statt "g": "Bejm ärbeje hätt dä noch nie jeschwett, äver bejm ääte wall." Umlaute sind häufig. Das Platt kennt nicht die Höflichkeitsform mit "Sie", erklärt Spennes. Sondern mit "Ihr". "Esch bönn am kohke" ist die rheinische Verlaufsform, ne? Ein Anhängsel wie "ne", um sich zu versichern, sei in Büderich selten, sagt Spennes. In Krefeld sei "woer", in Aachen "wa" zu hören.

In Spennes' Regal steht "Kappes, Knies und Klüngel - Regionalwörterbuch des Rheinlands", herausgegeben von Peter Honnen. Viele sprechen im Alltag weder Hochdeutsch noch Mundart, sondern Regiolekt. Das ist eine regional gefärbte Umgangssprache. Keiner verheddert sich mit "kannze" oder runzelt die Stirn bei "Spass". Wörter wie Kitsche, Bammel, fuschen, pickepackevoll sind aus Dialekten abgeleitet. Das Platt wie das Börker macht den eigenen Wortschatz variantenreicher und treffsicherer. Laut Honnen ist es wichtig, informell kommunizieren zu können.

Ob Originalplatt oder Regiolekt, Rheinländer sprechen bewusst oder unbewusst rheinländisch. An der (Umgangs-)Sprache erkennt man seine Wurzeln.

Quelle: RP
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