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Wie geht's, Meerbusch?
Dieses Nazibild sollte kein Mahnmal werden

Wie geht's, Meerbusch?: Dieses Nazibild sollte kein Mahnmal werden
Dieses Wandgemälde namens "Bildkarte von Büderich" wurde von Fritz Schlüter an die Wand gepinselt und in den Fünfzigern übermalt; zurecht, wie unser Autor findet. FOTO: repro
Meerbusch. Wenn jetzt über eine komplette Freilegung diskutiert wird, dann überhöht man die "Bildkarte von Büderich". Als Mahnmal taugt sie einfach nicht.

Man kann sich wundern über diese Meerbuscher Debatte: Ein unbedeutendes Wimmelbild, im Jahr 1939 an die Wand des ehemaligen Hermann-Göring-Heims gepinselt, soll plötzlich in Teilen wieder freigelegt werden. Der Geschichtsverein wünscht sich gar, dass die "Bildkarte von Büderich" wieder komplett sichtbar oder per Beamer an die Wand geworfen wird. Er begründet diesen Wunsch damit, dass das Bild heute mahnenden Charakter haben könne. Exemplarisch würden hier die Verführungskünste der menschenverachtenden Nazi-Diktatur am historischen Ort erfahrbar.

Dieser Satz wirkt zunächst apodiktisch: Wer will schon Historikern widersprechen - erst recht, wenn sie über die NS-Zeit reden? Wer dann aber das Bild genau betrachtet und über die Wirkung sinniert, der darf ins Überlegen geraten, ob heutige Schulklassen tatsächlich an die Verführungskünste des Nationalsozialismus erinnert werden. Zu sehen sind ein sensender Bauer, fußballspielende Kerle, heroische Recken dazwischen Architektur und Industrie als Landmarken des Fortschritts. Alles in allem: kleine heile Welt. Aber hatte der Künstler wirklich die Intention, zu verführen? Und wenn ja: Welche Signale gab er der sich im Hitlerjugendheim versammelnden Jugend? Die wenigen direkten Hinweise, dass es sich um "Kunst" aus der NS-Zeit handelt, finden sich nur versteckt: eine Siegrune und ein kleines Hakenkreuz sind zu sehen.

Dass der Geschichtsverein mit der neuen Debatte den Blick auf dieses Werk lenkt, ist nicht per se falsch. Wenn man jetzt aber über eine komplette Freilegung diskutiert, dann überhöht man das Bildchen. Es wäre zudem eine Absurdität: Die Nazis haben Bilder verboten, als "entartet" bezeichnet, Bücher wurden verbrannt. Die Nazis machten sich die Kunst gefügig. Bildhauer wie Arno Breker schufen das Abbild des neuen Menschen: zäh wie Leder, hart wie Böhler-Stahl. Und Meerbusch nimmt nun viel Geld in die Hand, um das künstlerische Erbe der Nazis wieder sichtbar zu machen? Um es klar zu schreiben: Es ist wichtig, auch heute noch Kunst aus der NS-Zeit zu zeigen, zu dokumentatorischen Zwecken, mit historischen Erläuterungen. Sollen die Diktatoren doch Kunst verbieten - zu unserer Freiheit der Kunst gehört, über falschen Ideologien dienende Kunst nicht den Deckmantel des Schweigens zu hüllen.

Ob man allerdings aus diesem Grund gleich ein zurecht vergessenes Wandbild wieder mit viel Mühe und Akkuratesse komplett hervorholen muss, eine Wandmalerei, die zuerst mit einem hellgelblichen mageren Anstrich, jüngst dann noch einmal mit zwei weißen Kunstharzdispersionsanstrichen verdeckt wurde, darf bezweifelt werden. Das an sich ja ehrenwerte Ziel, die Verführungskunst der Nazis offenzulegen, wird mit der Präsentation dieses Bildes nicht erreicht. Eine Teilfreilegung eines zehn mal zehn Zentimeter großen Ausschnitts kann erreichen, dass sich die Stadt der Geschichte des Bauwerks bewusst wird, es wäre Erinnerung an die einstige Funktion als HJ-Heim. Mehr als das ist nicht sinnvoll. Als Mahnmal taugt dieses Bild nicht. Mahnende Stätten sind das Kriegerdenkmal von Beuys oder der jüdische Friedhof in Lank.

Ein Wort noch zur kompletten Freilegung des Bildes - 33.000 Euro würde das kosten. Verdammt viel Geld für eine viertklassige Pinselei. Dafür könnte man für das Rathaus viel wirklich gute Kunst kaufen.

Quelle: RP
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