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Kolumne Wie Geht's, Meerbusch?
Flüchtlinge - wirklich willkommen?

Kolumne Wie Geht's, Meerbusch?: Flüchtlinge - wirklich willkommen?
Meerbusch. Meerbusch, was ist los mit Dir? Noch vor einigen Wochen dientest Du als Beispiel für vorbildliche Flüchtlingshilfe. Seite an Seite engagieren sich hier Unternehmer und Hausfrau, Alt und Jung, um Flüchtlingen Meerbusch zur Heimat zu machen. Dieses selbstlose Engagement ist immer noch bewundernswert. Mittlerweile aber sorgen vorwiegend solche Bürger für Schlagzeilen, die Flüchtlinge in großer Zahl vor ihrer Haustür ablehnen. Von Sebastian Peters

In Lank-Latum hat in dieser Woche die "Bürgerinitiative Kierster Straße" ein provokantes Flugblatt verfasst, das auch viele unserer Leser bewegt. Zahlreiche Zuschriften haben uns erreicht, von denen wir einige in den kommenden Tagen als Leserbriefe abdrucken werden, sofern sie sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen und nicht - ja, auch das kommt erschreckenderweise vor - rassistische Hass-pamphlete sind. Auffällig ist schon jetzt, dass sich vorwiegend Kritiker äußern, die Zufriedenen wiederum still bleiben. Warum sind sie so ruhig? Was hat sich verändert in Meerbusch? Oder anders gefragt: Hat sich etwas verändert in Meerbusch?

Die Sorge vor Flüchtlingen - sie drückte sich in den vergangenen Wochen besonders bei den Stadtteilversammlungen aus, bei denen die Verwaltung ihre Pläne für Flüchtlingsheime in Lank-Latum, Strümp und Osterath erklärte. Die Bürger wollten dort wissen, wer da neu zu ihnen kommt. Diese Skepsis ist verständlich.

Mit einem Bild von Dutzenden Spielpüppchen vor neuen Flüchtlingsheimen provozierte die Bürgerinitiative Kierster Straße die Politik (siehe Bild unten). Wir haben das Flugblatt genau gelesen und dies zum Anlass genommen, ein einziges Spielpüppchen an die Straße zu setzen, verbunden mit der Frage: "Wirklich willkommen?" FOTO: Ulli Dackweiler

Jeder horche in sich: Wie würde ich reagieren, wenn auf einmal 100 Unbekannte neben mir in neuen Reihenhäusern wohnen? Diesen skeptischen Bürgern per se vorzuwerfen, sie würden rechtes Gedankengut hegen, ist unfair. Auch die Initiative Kierster Straße in Lank ist nicht generell gegen Flüchtlinge. Sie distanziert sich sogar glaubhaft von rechtsradikalen Positionen. Das belegen unserer Redaktion vorliegende Schreiben der Initiative an rechtsextreme vermeintliche Unterstützer, deren Positionen die Initiative aber ablehnt. Andererseits: Die Anwohner der Kierster Straße fordern stets weniger Flüchtlinge als die Stadt dort tatsächlich ansiedeln will.

Zunehmend kristallisiert sich an diesem Beispiel heraus, dass die Meerbuscher Bürger gewillt waren, die Flüchtlinge zu akzeptieren, so lange sie in Notunterkünften des Landes, provisorischen Meerbuscher Turnhallen, lebten. Da waren es noch "unsere Flüchtlinge". Jetzt, wo die Stadt den Flüchtlingen eine Bleibeperspektive wortwörtlich zementiert, in Meerbusch durch den Neubau von Reihenhäusern, da wächst bei einigen Bürgern die Sorge. Wer sind die und wenn ja: Wie viele?

Natürlich muss auch bei einem solchen Mammutprojekt wie der dauerhaften Beherbergung von Hunderten Flüchtlingen - trotz aller Zeitnot - der Weg durch die demokratischen Instanzen gewahrt bleiben. Was aber die Bürger der Politik und Verwaltung hier vorwerfen, dass sie machtlos der Politik ausgeliefert seien, ist ungerechtfertigt. Das laufende Verfahren ist doch gerade der Beweis funktionierender Demokratie. Jeder Schritt ist öffentlich, Bürger reden fortwährend mit, gewählte Volksvertreter entscheiden. Politiker wie der Planungsausschussvorsitzende Werner Damblon (CDU) könnten sich zurückziehen, auf die Verwaltung verweisen. Macht er aber nicht. Er hat sich im Planungsausschuss der Diskussion gestellt, die Position seiner CDU-Fraktion vehement verteidigt - und ist stellenweise ausgebuht worden.

Was hat sich verändert in Meerbusch? Es lohnt sich vielleicht, exemplarisch den Inhalt des Flugblattes zu betrachten, das die Bürgerinitiative "Kierster Straße" verfasst hat. Es ist optisch und inhaltlich erstaunlich professionell aufbereitet, aber es gibt Ungereimtheiten:

Wer wie hier auf die namentliche Nennung des Verfassers verzichtet, der handelt gegen das Landespresserecht. Wer dann mit dem Motiv des Deckblatts suggeriert, eine große Hand würde Flüchtlinge wie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Püppchen vor Reihenhäuser platzieren, wer im Text schließlich die Flüchtlingszahl in Lank-Latum mit der in Büderich vergleicht, dabei aber den wesentlich stärker betroffenen Stadtteil Osterath außen vor lässt, der muss sich vorwerfen lassen, einen Teil der Wahrheit auszuklammern. Wer außerdem im Flugblatt angibt, die Flüchtlinge gerne zu begrüßen, aber ständig auf die Gründe verweist, warum das Areal Kierster Straße doch ungeeignet sei - "zu wenig Platz", der muss sich der genauen Analyse seiner Worte stellen, anhand eines vielleicht auf den ersten Blick kuriosen Vergleichs, mit dem wir diese Analyse beenden wollen. Angenommen, bei Herrn Meier kündigen sich Freunde an. Die Freunde sagen am Telefon zunächst, dass sie eine Unterkunft in einem entfernter liegenden Hotel gefunden hätten und gerne einmal für ein paar Stunden bei Meier vorbeikämen. Herr Meier freut sich jetzt vielleicht noch auf den Besuch. Dann muss dieses Hotel aber bedauerlicherweise schließen, die Freunde fragen Meier höflich, ob sie bei ihm schlafen dürften; nur so lange, bis sie eine Unterkunft fänden. Meier zögert jetzt. Er wartet ein paar Tage, denkt angestrengt nach. Dann meldet er sich bei den Freunden: "Ja, ihr seid willkommen, aber denkt an die Mülldeponie hier um die Ecke. Ich weiß nicht, ob das gesund für Euch ist." Die Freunde sagen: "Ach, egal. Du wohnst ja auch da." Man würde trotzdem kommen wollen. Ein paar Tage später meldet sich Meier wieder: "Ja, im Prinzip seid ihr hier willkommen. Aber bitte kommt nicht mit so vielen. Das würde zu eng." Meier nennt nun eine Maximalzahl, und als die Freunde daraufhin beschließen, nur zwei der vier Kinder mitzunehmen, sagt Meier. "Nein, höchstens ein Kind, mehr passt nicht." Die anderen Kinder könnten ja in Nachbarorte gehen, schlägt Meier vor. Wieder vergehen ein paar Tage. Um dann seine Forderungen zu untermauern, entwirft Herr Meier noch ein Schreiben, das er den Freunden schickt. Darauf sind noch einmal alle Bedingungen notiert. Es sei alles zu ihrem Wohl, argumentiert Meier, macht dieses Schreiben auch öffentlich. Und er endet mit dem Satz: "Für Integration und Gleichverteilung von Freunden in Meerbusch."

Herzlich willkommen?

Vielleicht, und das ist eine Antwort auf die Eingangsfrage, hat sich am Ende gar nicht so viel verändert in Meerbusch: Die heute Unzufriedenen waren damals schon leise Skeptiker. Die damals Zufriedenen sind heute stillere Helfer. Sie alle haben - dies zumindest bleibt unbestritten - zusammen mit den Flüchtlingen am Ende eine Aufgabe: Gute Nachbarn werden. Es bleibt ihnen nichts anders übrig.

Es kann immer noch gelingen.

Quelle: RP
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