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Hildegard Bodden-Omar
"Kinder wollen lesen. Das Problem: Sie haben immer weniger Zeit"

Hildegard Bodden-Omar: "Kinder wollen lesen.   Das Problem: Sie haben   immer weniger Zeit"
Am Samstag wird das fünfjährige Bestehen der Büdericher Stadtbibliothek mit einem Fest gefeiert. FOTO: Ulli Dackweiler
Meerbusch. Die Leiterin der Stadtbibliothek über ein verändertes Nutzerverhalten, den Charme der "Onleihe" und das fünfjährige Bestehen der Büdericher Bibliothek

Welche Lektüre nehmen Sie mit in den Urlaub?

Bodden-Omar In den Urlaub geht's diesen Sommer nicht. Aber Lektüre gibt es trotzdem: Ich habe mir bei uns in der Onleihe den Roman "Als die Sonne im Meer verschwand" von Susan Abulhawa vorgemerkt. Sie ist eine palästinensische Autorin, die in den USA lebt. In ihren Büchern greift sie den Konflikt in ihrem Land auf und setzt sich in Romanform gekonnt damit auseinander. Eine Thematik, die mich privat sehr interessiert. Mein Mann kommt aus Palästina.

Sie sagten, Sie haben es bei der Onleihe vorgemerkt. Sind Sie eBook-Fan?

Bodden-Omar Bei diesem Roman war die Wahl eher pragmatischer Natur. Wir haben es in der Stadtbibliothek zurzeit nur als eBook. Aber ansonsten würde ich sagen, es kommt immer auf die Situation an. So habe ich in der Tat im Urlaub stets ein Buch in der Tasche, abends steige ich dann aber gern aufs eBook um. Es ist dann irgendwie komfortabler, und man stört niemanden beim Lesen.

Gibt es eine Tendenz bei Ihnen in der Stadtbibliothek? Was ist begehrter: Buch oder eBook?

Bodden-Omar Ach, das lässt sich schwer festmachen. Wir können nur feststellen, dass das eBook immer mehr als technisch reizvolles Angebot wahrgenommen wird. Zugleich gibt es aber einigen Beratungsbedarf. Zum Beispiel, wie das eBook von unserer Onleihe auf das heimische Tablet kommt.

Wie helfen Sie da?

FOTO: Ulli Dackweiler

Bodden-Omar Wir haben seit diesem Jahr eigens Sprechstunden dafür eingerichtet. Gleich die erste Info-Veranstaltung war ein voller Erfolg. Die Nachfrage war groß - und das Durchschnittsalter der Besucher lag übrigens bei 67 Jahren.

Also, die ältere Generation macht sich mit der digitalen Welt vertraut...Und wie sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus?

Bodden-Omar Komischerweise nutzen diese kaum unsere Onleihe. Derzeit läuft daher ein extra Online-Bibliotheksquiz für diese Altersgruppe, um diese Möglichkeit der Ausleihe publiker zu machen.

Empfinden Sie es generell so, dass die Begeisterung fürs Lesen bei den jungen Menschen nachgelassen hat?

Bodden-Omar Das kann ich so gar nicht bestätigen. Nach wie vor ist der Kinder- und Jugendbuchbereich der am stärksten besuchte. Kinder wollen lesen. Das Problem ist: Sie haben immer weniger Zeit. Unter der Woche kommen die meisten erst gegen 16.30 Uhr nach Hause. Zeit für sich selbst verschiebt sich wie bei Berufstätigen dann Richtung Wochenende. Der Samstag ist bei uns der familienstärkste Tag. Grund für uns, immer mehr Kinderveranstaltungen auf die Samstage zu verlegen.

Was tun Sie generell dafür, Kinder, auch aus bildungsfernen Schichten, in Ihr Haus zu ziehen?

Bodden-Omar Großen Anklang findet unsere Schreibwerkstatt, die gerade am Wochenende wieder stattgefunden hat und die es auch noch mal im Oktober geben wird. Autoren arbeiten dort mit Kindern und Jugendlichen an ihren Texten. Der Vorteil: Unterstützt vom Land NRW werden alle Haushalte angeschrieben, in denen Kinder in dieser Altersgruppe leben. Da hatte ich auch schon junge Kandidaten, die auf eigene Faust gekommen sind und die mit deren Eltern wohl sonst nicht den Weg zu uns gefunden hätten.

Wie ist das dann bei anderen Veranstaltungen? Ein Halbjahresprogramm, das an öffentlichen Stellen ausliegt, gibt es beispielsweise nicht.

Bodden-Omar Ja. Das stimmt. Aber zum einen ist das viel Arbeit, die wir mit unserem Personalschlüssel schlecht stemmen können. Zum anderen kommen meist kurzfristig noch viele Aktionen dazu, die sonst gar nicht stattfinden würden. Dafür finden sich etwa alle Vorlesetermine bei uns auf der Internetseite, und auch Flyer zu Einzelveranstaltungen werden verteilt.

Am Samstag feiert das Haus in Büderich fünfjähriges Bestehen. Zahlenmäßig konnten Sie sich in puncto Ausleihe, Veranstaltungen und Besucher steigern. Allein die Zahl der Besucher hat sich von 28 400 im Jahr 2010 auf 55 000 im Vorjahr fast verdoppelt. Was ist das Erfolgsrezept?

Bodden-Omar Um es auf den Punkt zu bringen: Es liegt einfach an diesem Haus, das Meerbusch gefehlt hat. Wir sind keine reine Ausleihstation mehr, sondern ein Ort der Begegnung. Viele Familien halten sich hier stundenlang auf, Stammgäste lesen jeden Tag ihre Zeitung, Schüler und Studenten kommen zum Arbeiten. Es geht oft bunt und turbulent bei uns zu. Und die insgesamt 260 000 Besucher sieht man dem Haus auch an. Nach den Sommerferien ist ein neuer Anstrich fällig.

Was für Herausforderungen gab es in den vergangenen fünf Jahren?

Bodden-Omar Die größte Herausforderung war wohl die Technik. Es hat zwei Jahre gedauert, bis endlich alles reibungslos lief. Und auch das Team, hier im Haus insgesamt 7,5 Mitarbeiter stark, musste sich finden und zusammenwachsen. All das haben wir gemeistert.

Was wünschen Sie sich für die kommenden fünf Jahre?

Bodden-Omar Ich wünsche mir Möglichkeiten, unseren Seminarraum noch spontaner nutzen zu können. Im täglichen Betrieb ist er viele Stunden besetzt. Es wäre schön, wenn wir ihn etwas umgestalten könnten, damit mehrere Personen und Gruppen parallel darin arbeiten könnten. Und: Wir haben in den vergangenen Jahren 690 000 Medien ausgeliehen. Die gingen bei uns alle über den kleinen "Büchertisch", also über Sortiertisch und die Buchwagen. Das schreit förmlich nach neuer Technik. Auch, wenn das damit ja nicht immer einfach ist...

ANANDA KORDES FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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