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Meerbusch
Kurze Rast am Champagnerbüdchen

Meerbusch: Kurze Rast am Champagnerbüdchen
Der Italiener und Urlauber Dashamir Berisha (r.) hält sich derzeit in Meerbusch auf - ein Besuch beim Champagnerbüdchen darf natürlich nicht fehlen. Inhaber Reza Milani reicht ihm frischen Kaffee. FOTO: Achim Hüskes
Meerbusch. Drei Quadratmeter groß ist das Reich von Reza Milani in seinem Kiosk an der Moerser Straße. Zur Mittagsstunde bewirtet der Inhaber einen wortkargen Italiener, eine Frau mit Windhund und einen Beinahe-Double von Bud Spencer Von Maike Billen

Seit sechs Uhr morgens sitzt Reza Milani schon in seinem Büdchen in Büderich - in dem Kiosk, das auch über die Stadtgrenzen Meerbuschs hinaus als "Champagnerbüdchen" bekannt ist. Warum? Natürlich gibt es dort auch den Schampus in der Flasche. Aber eigentlich mehr Alltägliches für den Vorbeifahrenden. "Besonders in den frühen Stunden kommt ein Kunde nach dem anderen", sagt Milani. Jetzt ist es 12 Uhr. Nur ein geheimnisvoller Italiener mit Sonnenbrille, Polo-Shirt und lachsfarbener Hose hat sich einen Kaffee bestellt. Der Mann spricht kein Englisch, kein Deutsch. Eigentlich wohnt er in Italien und besucht zurzeit Deutschland. Viel mehr ist nicht zu verstehen. "Vado", sagt er. Er geht jetzt.

Der Postbote teilt die Briefe aus, stoppt für wenige Sekunden am Büdchen: "Hab keine Zeit. Bin kein Promi. Bis dann", und schon düst der Briefträger wieder davon. "Ach, der Frank", sagt Milani. Doch Frank kommt noch einmal zurück und witzelt: "Du tust doch immer so: Ich bin ein Star, holt mich aus dem Kiosk raus."

Mehr als fünf Jahre führt Reza Milani das unter Denkmalschutz stehende Büdchen gegenüber der Haltestelle Forsthaus. Angestellte oder Aushilfen hat er nicht: "Wenn ich mal ausfalle, springt die Familie ein", sagt er. "Für lange Zeit war ich noch nie krank." Milani klopft auf die Theke des Büdchens: toi, toi, toi. Die großen Villen sind die Kulisse, die das Image vom Büdchen für Reiche aufrechterhalten - und vielleicht noch einige Produkte im Sortiment. Milani bietet unter anderem Champagner von der Marke Moët und Chandon für 45 Euro die Flasche an. "Und Kaviar gibt es auf Bestellung", sagt Milani. Wann war die letzte Bestellung? "Ach", sagt Milani: "Lang ist das her." Und wenn doch mal jemand Kavier bestellt? "Kaviar ist wie Gold. Der Markt verändert sich laufend", sagt Milani. Beispiele für Einflussfaktoren: Das Atomabkommen mit Iran oder die politischen Spannungen mit Russland wegen der Ukraine-Krise. "Die damit verbundenen Sanktionen, deren Lockerung oder Verschärfung wirken sich natürlich auch auf die Preise aus", erklärt der Inhaber. "Nur gibt es aus diesen Ländern feinsten Kaviar." Milani: "Klar, auch Promis haben bei mir schon mal ein Frikadellenbrötchen gegessen." Aber Namen nennt er nicht: "Das ist tödlich für's Geschäft. Diskretion ist wichtig." Viel häufiger kämen Handwerker und Gärtner vorbei, die für die Wohlhabenden arbeiten.

Rund drei Quadratmeter ist Milanis Reich groß. Eine Mikrowelle gibt es auch, um Bockwurst für Kunden aufzuwärmen. Radio-Musik summt leise. Milani verkauft Zigaretten, Zeitschriften - auch auf Englisch - und bunte Wunderbäume. Ein Radfahrer hält an, kauft sich eine Zeitung, die Kasse klackert. Viele Worte fallen nicht.

Ein afghanischer Windhund zieht eine Frau zum Kiosk: "Ein Eis, bitte", sagt sie knapp. Milani kramt aus dem Gefrierfach ein Fruchteis. "Guck dir mal an, was du mir gegeben hast", sagt die Frau und lacht. Die Hälfte vom Eis ist in der Verpackung abgebrochen. Bezahlen muss die Frau nicht: "Hätte sie aber sowieso nicht", sagt Milani. "Ist das nicht...?", fragt jemand von der Seite, als Frau und Hund verschwunden sind. Ein Kumpel ist von der Arbeit in Neuss extra einen Umweg gefahren, um vorbeizuschauen. Die beiden Männer tratschen. "Hab ich nicht die schönsten Männerfüße der Welt", fragt der Bekannte. "Jetzt im Ernst?" Er schlüpft aus den Flipflops und wartet auf eine Antwort. Der Mann sieht aus wie ein ehemaliger Bodybuilder. Milani antwortet: "Du hast einen Hauch von Bud Spencer."

Quelle: RP
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