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Meerbusch
"Lank ist uns ans Herz gewachsen"

Meerbusch: "Lank ist uns ans Herz gewachsen"
Ihsan und Thikra Kashat sind fröhliche und offene Menschen. Mit ihren drei Kindern Daniel (14), John (7) und Manuel (12) haben sie in Lank eine neue Heimat gefunden. An eine Rückkehr in ihr aramäisches Heimatdorf Telkef glauben sie nicht mehr. FOTO: Falk Janning
Meerbusch. Die Kashats haben in Lank eine neue Heimat gefunden. Die irakische Familie ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Von Falk Janning

Es ist wie nach Hause kommen. Ihsan und Thikra Kashat öffnen die Tür zu ihrer Wohnung an der Wittenberger Straße. Im gemütlichen Wohnzimmer sitzen sie auf ihrem Sofa, Manuel (12) und John (7) sehen fern, Daniel (14) ist noch beim Fußballtraining, gleich nebenan auf dem Platz des TSV Meerbusch. Es gibt irakisches Gebäck und dazu schwarzen Tee. Sie sind Aramäer mit irakischen Wurzeln, leben bereits seit einigen Jahren in Lank - und haben hier gefunden, wonach sie gesucht haben: ein Stück neue Heimat. Telkef, ihr Heimatdorf, kann nichts ersetzen, sagen sie. Doch Lank ist ihnen ans Herz gewachsen. Sie sind mustergültig integriert.

Ihsan und Thikra Kashat - er ist 48, sie 41 - sind fröhliche und offene Menschen. Beim Spaziergang durch die Dorfmitte ist das spürbar. Da hat man den Eindruck, dass sie jeden kennen. "Das ist auch tatsächlich so, denn zumindest vom Ansehen kenne ich beinahe alle", sagt der Familienvater. Er grüßt mit ehrlicher Freundlichkeit beinahe jeden, dem er in der Fußgängerzone begegnet. Und wenn sein Gruß nicht erwidert wird, dann macht er sich ernsthaft Sorgen. "Denn wenn mir das in meinem Heimatdorf passiert, dann ist der andere ernsthaft böse auf mich", sagt er.

Die Religion spielt bei ihnen eine große Rolle. Sie sind als Aramäer überzeugte Christen, gehen jeden Sonntag in die Kirche. Ihre Kinder Daniel und Manuel haben als Messdiener gedient. Das Schicksal ihrer alten Heimat und der IS-Terror gehen den Eltern sehr nahe. Von Frieden ist ihr Land weiter entfernt als viele andere. Die Hoffnung, ihr Dorf Telkef - aramäisch für Steinhügel - noch einmal wiederzusehen, ist verschwindend gering. Vor einigen Jahren waren sie noch einmal dort, 20 Kilometer nordöstlich der IS-Hauptstadt Mossul. Kurze Zeit später - im Jahr 2014 - überfiel der IS ihr Dorf und hält es bis heute besetzt. Die Kashats befürchten, dass ihr jüngster Aufenthalt in Telkef ihr letzter war. Vor einigen Wochen haben die Terroristen die dortige Kirche zerstört. "Ich habe geweint, als ich das gehört habe", sagt die Ehefrau. In ihrem Dorf lebten bis vor anderthalb Jahren etwa 40.000 Christen, die zur chaldäisch-katholischen Kirche gehören. Die sind vor dem IS geflüchtet, die meisten, wie ihre Eltern und Brüder, ins irakische Kurdistan.

Auf Deutschland lassen beide nichts kommen. Sie engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, beruflich und auch zusätzlich noch ehrenamtlich. Und es ist ihnen keine Last. Im Gegenteil. Es entspringt ihrem Bedürfnis, dem Land, das sie und ihre Kinder aufgenommen hat, "etwas zurückzugeben". Sie helfen wo sie können, übersetzen, begleiteten die Menschen bei Behördengängen. Er erlebt, dass die Flüchtlinge in Deutschland herzlich und freundlich aufgenommen werden. "Sie sind glücklich, hier zu sein, auch wenn sie sich extrem bescheiden müssen", beobachtet sie. Auch ihre Familienangehörigen waren froh, dem Krieg entkommen zu sein. Das hat für die Kashats alles andere aufgewogen.

Ihr Mann arbeitete früher in der Rezeption des Zwei-Sterne-Hotels in Bagdad mit 33 Zimmern, das seinem Vater gehörte. Damals, Mitte der 80er Jahre, ging es dem Irak noch gut. "Da kamen viele Touristen in die Stadt, auch Deutsche, und übernachteten in unserem Hotel", sagt der 48-Jährige. Das sei seit dem Golfkrieg 1990 vorbei. Er flüchtete 1995 über die Türkei aus dem Irak nach Deutschland und besitzt seit 2003 die deutsche Staatsbürgerschaft. Seiner Frau gelang mit Hilfe von Schleppern 2000 die Flucht nach Deutschland - die 41-Jährige reiste über Jordanien, Bulgarien, Serbien und Tschechien ein, musste dabei auch schon mal zehn Stunden am Stück laufen. Ihsan Kashat fand beim Lanker Bäcker Wieler einen Job, doch er bekam Asthma und musste nach sieben Jahren aufhören. Heute arbeitet er für die Johanniter im Strümper Flüchtlingslager in der Sporthalle des Meerbusch-Gymnasiums.

Die Eltern unterhalten sich auf aramäisch, das ist die Sprache Jesu. Mit ihren drei in Deutschland geborenen Kindern reden sie fast ausschließlich arabisch, während die wiederum untereinander wie selbstverständlich nur deutsch sprechen. Sie haben großen Spaß daran, wenn Vater und Mutter wieder mal ein Satz auf deutsch völlig misslingt. Vorurteile oder gar Rassismus hatten Ihsan und Thikra Kashat im Irak lange nicht erlebt. "Wir waren dort sehr glücklich", sagen die beiden. "Solange Saddam Hussein an der Macht war, war alles in Ordnung zwischen den Volksgruppen." Bei der Arbeit mit den Flüchtlingen haben sie keine Probleme mit den Arabern, sie diskutieren über die Terroranschläge von Paris, über Pegida und das Sterben in Syrien. Sie bekommen viele verschiedene Meinungen mit und finden, dass kulturelle Vielfalt eine Bereicherung ist, Integration gelebt werden sollte. Sie können die Ängste vor einer islamischen Radikalisierung aber genauso gut verstehen, schließlich haben sie sie selbst erlebt.

Die Kashats fühlen sich wohl in Lank. Am Anfang hatten sie noch Heimweh, das haben sie aber verdrängen können. Sie haben lernen müssen, dass sie manche irakische Gewohnheiten in Lank nicht fortsetzen können. So brachte sie in den ersten Wochen in Lank den Nachbarn wie in ihrer Heimat üblich Kuchen, wenn sie einen gebacken hatte. Doch die sahen sie nur verständnislos an und fühlten sich bedrängt. Heute können sie darüber lachen. Alte Gewohnheiten, wie das Osterfest größer zu feiern als das Weihnachtsfest, hat sich die Familie erhalten. "Die Auferstehung Jesu ist für uns bedeutender als seine Geburt", sagen sie, während sie in ihrem Fotoalbum mit den Bildern von ihrem alten Dorf blättern.

Quelle: RP
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